Oldenburg - Die Niederländerin Isabelle van Keulen gehört seit Jahren zu den bedeutendsten Geigerinnen weltweit und ein Auftritt im Oldenburger Schloss – im Rahmen des Musikalischen Sommers in Ostfriesland – ist eine Ehre für die Stadt, mit der man auch entsprechend umgehen muss. Vor der ersten Pause spielte Isabelle van Keulen mit ihrer kongenialen Klavierbegleiterin Ulrike Payer aber nicht allein: vom Schloßplatz her drang Lautsprecherverstärktes durch Türen, Fenster und Wände. Anders als manch ein Zuhörer nahm es die charismatische Ausnahmegeigerin gelassen. Der beglückende Reinklang ihres technisch perfekten und ausdrucksintensiven Spiels kämpfte sich gegen die dumpfe Geräuschkulisse der fetten Bässe von draußen durch. Zwischen zwei Stücken empfahl sie ihren wie gebannt lauschenden Hörern, sie möchten sich vorstellen, sie würden zuhause klassische Musik hören und im Nebenzimmer liefe der Staubsauger.
Das Programm begann mit einer erstaunlich konventionellen „Suite im alten Stil“ von Alfred Schnittke, die fünf klangschöne, neobarocke Tanzszenen bei makellosem Spiel wie zum Aufwärmen präsentierte. Es folgten „Thème et variations“ von Olivier Messiaen, geschrieben 1932 für seine Braut, die Geigerin Claire Delbos, als Hochzeitsgeschenk und noch im gleichen Jahr zusammen mit ihr uraufgeführt. Die insgesamt fünf sehr charakteristischen Variationen des Themas sind einer technisch versierten und ausdrucksstarken Geigerin wie in die Finger geschrieben, dazu subtil, raffiniert, hochkomplex und immer wieder überschwänglich. Van Keulen spielte gegen das Wummern und ohne Scheu vor dem Ausdruck des Ekstatischen mit dem Überblick für das große Ganze des Klangfarbengemäldes. Die Sonate g-Moll für Violine und Klavier von Claude Debussy gab der Ausnahmegeigerin die Gelegenheit, eine Atmosphäre des Traumhaften zu erzeugen, was bei den Nebengeräuschen umso erstaunlicher, geradezu märchenhaft, wirkte.
In der Pause muss es zu einem Stillhalteabkommen gekommen sein, denn „Fratres“ von Arvo Pärt und César Francks Sonate für Violine und Klavier A-Dur erklangen ungefährdet. Wem es, wie Hölderlin, wichtig ist, dass Großes im Kampf steht, konnte das klangliche Ereignis des versierten und subtilen Reinklangs und der vollendeten Harmonien nicht einmal recht sein. Isabelle van Keulen und ihre großartige Begleiterin Ulrike Payer gingen aus dem ungleichen Kampf als moralische Sieger hervor und bedankten sich beim ergriffenen Publikum mit einer schönen Romanze von Clara Schumann als Zugabe.
