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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Leid lässt sich nicht messen

29.11.2012

Dresden /Berlin Eine Frau fliegt aus politischen Gründen von einer Universität in der DDR. Der Fall ist klar und aktenkundig, sie wird also rehabilitiert. Wenn es Beweise in den Unterlagen gibt und sie den Amtsbriefwechsel nicht scheut, bekommt sie vielleicht sogar einen Rentennachteilsausgleich. Der ist nicht hoch und kann die (auch finanziellen) Folgen des Karriereknicks nicht ausgleichen. Aber er zeigt den Willen der Gesetzgeber: sich an die Seite der Opfer zu stellen und etwas wiedergutmachen zu wollen.

Vermutlich staatstreu

Diese eine, hier anonymisierte Frau steht für ähnlich verlaufene Fälle gerade aus den 70er und 80er Jahren. Sie alle eint eines: Man hatte Anfang der 90er Jahre anderes zu tun, als sich zu sehr um die eigene Vergangenheit zu kümmern. Erst Jahre später will diese eben Erwähnte ihr Studium nachholen. Eine Kunsthochschule erklärt sich schließlich dazu bereit. Die will etwas wiedergutmachen.

Die Frau ist inzwischen in Hartz IV abgerutscht und würde sich auf ähnlichem Absicherungsniveau den inspirierenden Qualen des Studiums gern unterziehen. Aber das Jobcenter stellt sich stur und besteht auf – vorsichtig gesagt – nicht sehr erfolgsträchtigen Umschulungen.

Es gibt ein Rehabilitierungsgesetz, da steht etwas von bevorzugter Förderung in solchen Fällen. Die Mitarbeiter werden darauf verwiesen, das hilft manchmal. In diesem Fall half es nicht. Nun ist die Frau nicht nur wütend, sondern erstmals auch verbittert. Zum Unrecht aus DDR-Zeiten kommt der Frust über den vergeblichen Versuch, es aufzuklären. Und zu dem Problem der vorhandenen oder vermuteten Arbeitsamt-Mitarbeiter mit staatstreuer DDR-Vergangenheit kommt das der Kenntnislosigkeit und der daraus folgenden mangelnden Sensibilität heute.

Es gibt Gedenktage und Gedenkreden und inzwischen eine gute wissenschaftliche Forschung zur Deutschen Garnichtdemokratischen Möchtegernrepublik, die sich DDR nannte. Die hört und liest diese Frau und fühlt sich durch den Erfahrungskontrast zu den Reden noch viel isolierter.

Die Nachwirkungen eines Staates treten bei Einzelmenschen – sie als Einzelfall zu bezeichnen ist Teil des Problems – zeitverzögert hervor. Berater, Psychologen, Therapeuten sprechen von ähnlichen Erfahrungen. Körperliche und vor allem psychische Probleme treten Jahrzehnte verzögert hervor. Und kurz vorm Renteneintritt merken viele dann, wie sehr sie mit gebrochenen Biografien noch einmal durch die Höhe der Rente benachteiligt werden. Besonders, wenn sie nur Opfer von Zersetzungsmaßnahmen der Staatssicherheit geworden sind, aber nicht in Haft waren – da gibt es dann die sogenannte Opferrente von 250 Euro nicht.

Fehlende Akten tragen so absurderweise heute zu einer Steigerung der Unzufriedenheit bei. Nicht umsonst sprechen seit einigen Jahren die Psychologen auch von einem Post-DDR-Verbitterungssyndrom.

Um eines klarzustellen: Es gibt posttraumatische Belastungsstörungen aus der DDR-Haft, bei Insassen von Heimen und Jugendwerkhöfen, bei psychiatrischem Missbrauch und in anderen Fällen. Hier geht es also um etwas ganz anderes, was zum Zweifel am heutigen Rechtsstaat bei den Betroffenen geführt hat.

Besser rehabilitieren

Das geht auch über die grummelnde Unzufriedenheit weit hinaus und führt zu unterschiedlicher Verbitterungsintensität, die das Leben, die Gesundheit und sogar die sozialen Kontakte beeinträchtigt. Mancher bedürfte sicher einer psychologischen Unterstützung – eine generelle Behandlungsnötigung verschärft die gefühlte Problemlage allerdings bei anderen nur.

Was also muss geschehen? Wessen bedarf es? Verbesserter und erweiterter Rehabilitierungsgesetze, einer Weiterbildung aller damit Befasster. Es bedarf größtmöglicher Hilfe bei der Aufspürung von Daten. Aber wie misst man das Leid?

Öffentliche Aufmerksamkeit und mediales Interesse sind auch ein Mittel gegen das Verbitterungssyndrom. Ein Sozialfonds unterhalb der Ebene der Reha-Gesetze wie bei dem Heimkinderfonds wäre ein anderes Mittel.