LEIPZIG - Ossis und Wessis streiten noch miteinander auf der Messe. Aber der Konflikt scheint eher spielerischer als grundsätzlicher Natur zu sein.
von Reinhard tschapke
LEIPZIG - Diese Messe lebt von der Freude am Buch. Doch den Dämpfer gibt’s bei Droemer & Knaur. „Bücher nicht zum Mitnehmen“ hat ein Verlagsmitarbeiter gekritzelt und an das riesige Regal geklebt. Er wollte höflich sagen: „Bitte klaut nix!“Gibt es eigentlich zum Mundraub- einen entsprechenden Buchraub-Paragrafen? Rolf Bossi müsste das wissen. Der Staranwalt (Ingrid Bergen, Jürgen Bartsch) ist 83, hat aber noch mächtige Sätze drauf. Auf einer Lesung wettert er gegen „Halbgötter in Schwarz“ (Eichborn): Vor Gericht gehe es bei uns nicht gerecht zu.
Am Stand der niedersächsischen Literaturbüros muss man nicht über Buchklau nachdenken, denn da gibt’s keine. Dafür lockt „Bionade“, ein seltenes Getränk. Auch andere – so etwa die Stiftung Niedersachsen – haben den Stand unterstützt, den Kulturminister Lutz Stratmann (CDU) eröffnete. „Und wir haben beim Aufbau selbst Hand angelegt“, weiß Monika Eden, Leiterin des Oldenburger Literaturbüros, stolz mitzuteilen.
Etwas luftiger und ideeller ist die Hilfe, die Eva-Maria Hagen so nett anbietet. Sie malt einem ein Kleeblatt – natürlich mit vier Blättern – ins Buch und lächelt. Ach, sind die Ossis nett!
Was heißt hier Ossi: Die Ex vom Biermann lebt längst in Hamburg und Berlin, nur ihr Buchtitel behandelt die DDR: „Eva jenseits vom Paradies“ (Ullstein). Und so fühlen sich bis heute viele in Leipzig und umzu: „Die Ossis meinen, sie werden zurückgesetzt“, betont Michael Jürgs. Der muss es wissen. Schließlich hat der Journalist darüber ein Buch geschrieben, das alle auf der Messe erregt: „Typisch Ossi, typisch Wessi“ (Bertelsmann) – allerdings mit Co-Autorin Angela Elis. Und die gibt ihm als Ossi-Frau ordentlich Zunder. Zum Beispiel in einer langen Ossi-Wessi-Nacht. Da ist es so voll, dass die Literaturlust zur Sardine wird.
Günther Kaufmann, erst als Mörder im Knast, nun als Buchautor in Leipzig, ist das Ossi-Wessi-Problem egal: „Ich ziehe nächste Woche von Nord nach Süd“, sagt der schriftstellernde Schauspieler schmunzelnd. „Der Möbelwagen bringt alles von Bremen nach München.“
Jedenfalls lockt sein Buch „Der weiße Neger vom Hasenbergl“ (Diana) enorm viele Neugierige an. Doch beim Verlag gibt man sich gelassen, so gelassen wie beim obligatorischen Buchklau. „In Frankfurt am Main“, so eine Verlags-Sprecherin, „wird immer die Hälfte der Bücher geklaut. Hier in Leipzig ist das längst nicht so schlimm.“
Der Osten ist eben anständiger. Das haben wir geahnt, aber nie ausgesprochen.
