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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Nazi-Hochstapler mit Lust am Morden

17.03.2018

Leipzig April 1945, es ist Nacht irgendwo in Deutschland, im „Hotel Oranien“ feiern ein deutscher Hauptmann und seine Leibgarde mit Prostituierten ein wildes Gelage. Aber zum Feiern wird ihnen bald nicht mehr zumute sein. Und was die meisten nicht ahnen: Ihr Hauptmann ist gar kein Hauptmann, sondern ein Hochstapler.

Froh über Befehle

„Der Hauptmann“ von Regisseur Robert Schwentke – der Spielfilm ist gerade angelaufen – basiert auf der Geschichte von Willi Herold, der von 1925 bis 1946 lebte und schließlich von den Alliierten wegen seiner Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt wurde.

Im Film findet der Gefreite Herold am Straßenrand kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs eine Hauptmanns-Uniform. Er probiert sie an und gibt sich von nun an als Offizier aus. Soldaten schließen sich ihm an, froh, endlich wieder Befehle ausführen zu dürfen. Die Gruppe gelangt in ein Gefangenenlager im Emsland – und verrichtet dort schlimme Kriegsverbrechen.

Schwentkes Film ist ein spannendes, beklemmendes Werk. Nicht nur die unglaubliche Geschichte raubt einem den Atem. Der 24-jährige Max Hubacher spielt Herold mit eisiger Kälte. Seine Mimik verrät, was in ihm vorgeht: der Stolz, in Uniform plötzlich eine Bedeutung zu haben. Die Angst, als Offizier zum ersten Mal jemanden erschießen zu müssen. Die Ekstase, die das Morden irgendwann in ihm auslöst. Hubacher changiert dabei stets zwischen einer jugendlichen Unschuld und brutaler Härte.

Auch die anderen Rollen sind toll besetzt. Frederick Lau spielt den Soldaten Kipinski, dessen Brutalität keine Grenzen kennt. Fast animalisch macht ihn die Gewalt, die er unter Herolds Kommando ausüben kann. In den Augen des treuen Freytag (Milan Peschel) wiederum schimmert immer größere Panik, als er miterlebt, wie die „Kampfgruppe Herold“ völlig außer Kontrolle gerät.

Die Bildsprache des Schwarz-Weiß-Films ist gewaltig. Auf dem spanischen San-Sebastián-Filmfestival, wo „Der Hauptmann“ 2017 lief, wurde Kameramann Florian Ballhaus mit dem Jurypreis für die Beste Kamera ausgezeichnet. Er ist der Sohn von Michael Ballhaus, der mit seinen 360-Grad-Kamerafahrten, dem „Ballhaus-Kreisel“, in Filmen von Martin Scorsese oder Rainer Werner Fassbinder Berühmtheit erlang.

Auch im „Hauptmann“ wirbelt die Kamera dynamisch um ihre Akteure. Sie liegt mit Herold auf dem Boden, humpelt mit ihm über die Gleise oder schwebt hoch erhaben mit ihm über allem. Auch in den Genuss einer 360-Grad-Fahrt kommen die Zuschauer.

Autoritätshörigkeit

Mehrmals gibt der Hauptmann die Auskunft, er sei auf Sondereinsatz, und er müsse „Bericht erstatten von der Lage vor der Front, mit Vollmacht vom Führer selbst“. Unglaublich, wie weit er damit kommt.

Mit der Uniform stülpt er sich ein anderes Wesen über und niemand hinterfragt sein Auftreten. Diese besondere Autoritätshörigkeit der Deutschen funktionierte schon beim „Hauptmann von Köpenick“, dessen Geschichte Carl Zuckmayer einst literarisch verarbeitete. Er, der eigentlich ein Schuhmacher war, musste sich ebenfalls nur eine Uniform anziehen, damit die Leute kuschten.

Auch ein Massaker muss „seine Ordnung haben“, erklärt Hauptmann Herold irgendwann. Dann stellt er die Gefangenen erst in Reih’ und Glied auf, bevor sie erschossen werden.

Die Figuren haben diese Mischung aus Bürokratentum und Nazi-Terminologie verinnerlicht: Einer beschwert sich über die „nicht ordnungsgemäße Beseitigung von 90 Gefangenen“. Es sind Täter, wie es sie während der Diktatur der Nationalsozialisten viele gab. Unscheinbare Leute aus den hinteren Reihen, die alles machen, um nicht selbst zum Opfer zu werden.


Lesen Sie mehr über die wahre Geschichte des Willi Herold unter   bit.ly/nwz-herold 

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