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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Virtuosität einer jungen Geigerin macht atemlos

30.04.2019

Leipzig Was für ein Auftritt! Schon die ersten Töne verschlagen einem den Atem. Ob des Übermaßes an musikalischer Intuition und Umsetzungsmacht möchte man demütig werden oder ungläubig: Die junge Geigerin Liv Migdal präsentiert mit ihrer im Mai erscheinenden neuen CD „Refuge“ (Genuin, Leipzig, GEN19656), einer Soloeinspielung, „Atemstillstandsmomente“, Musik an den Grenzen des Spiel-, Fass- und Aushaltbaren von Bach, Bartók und Ben-Haim.

Die 1988 in Herne geborene Künstlerin gilt Insidern schon lange als Gegenentwurf zu den Glitzerperlen ihres Metiers. Die Gewinnerin etlicher internationaler Preise (unter anderem Roczek-, Ricci- und Hindemith-Preis) hat 2017 das Projekt „Verfemten Komponisten eine Stimme geben“ initiiert. Nun hat sie, ausgehend vom Wirken des jüdischen Jahrhundertgeigers Yehudi Menuhin als Inspirator, Auftraggeber und Anstifter, diese CD konzipiert.

Entstanden ist eine erstklassige Aufnahme wichtiger Werke für Solovioline, mehr noch: ein höchstpersönliches, mit Herzblut getränktes Entäußerungs-Testat einer großen Geigerin. Niemand sonst als Liv Migdal hätte diese CD erfinden, keiner sie so einspielen können. Authentizität wird erlebbar und berührt.

Der Titel „Refuge“ fügt sich. Zum Refugium, Zufluchts- und Rettungsort wurde ein fremdes Land: Palästina für den aus Deutschland geflüchteten Paul Frankenburger, später als Ben-Haim bedeutendster Komponist Israels, Amerika für den Ungarn verlassenden, schon damals kranken Bartók. Und stets die Musik – als Mittel, seiner Verzweiflung Ausdruck zu verleihen, der Seelennot ein Antidot zu injizieren, Hoffnung vielleicht oder Trost. Wie Bach nach dem Tod seiner Frau dieses Mittel anwandte, demonstriert Migdal anhand der C-Dur-Sonate mit großem Sog; die vermeintliche Kühle der gewaltigen Fuge implodiert über alle x-fach-Griffe hinweg in atemgleiche Leichtigkeit und bestürzende Klarheit.

Klarheit ganz anderen Zuschnitts prägt auch Ben-Haims G-Dur-Sonate, Musik als Lebensmetapher, durch Migdal eindringlich inszeniert vom morgenfahlen Licht der Wüste bis hin zum Tod bringenden Brennen der Sonne.

Den Höhepunkt dieser herausragenden CD aber markiert Migdals Interpretation von Béla Bartóks Sonate für Solovioline (Sz117), seinem letzten vollendeten Werk, geschrieben im Bewusstsein des nahen Todes. Wer meint, diese Sonate zu kennen, aus einem der seltenen Konzerte vielleicht oder von sonst einer Aufnahme, darf jetzt all das getrost vergessen. Wo andere die Krankheit, die zum Tode neigt, als zahmes Kuscheltierchen missverstehen, konfrontiert uns Migdal mit der Bestie, die Bartók in den Fängen hielt: Die Gewalttätigkeit ihrer Fuga dürfte für sensible Naturen zuweilen nicht zu ertragen sein.

Danach diese „völlige Gelassenheit“ der Melodia, ein sprachlos machendes Sich-Auflösen im heilignüchternen Wasser der Tränen, die dem Todkranken schon lange ausgegangen sind.

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