Oldenburg - Eigentlich verbindet man mit dem klavierbegleiteten Kunstlied etwas Zartes, Intimes, Subtiles. Die Differenzierung und Nuancierung seelischer Regungen steht im Zentrum.
Nicht so beim 3. Liederabend des Oldenburgischen Staatstheaters: Die Sopranistin Anna Avakian und der Tenor Alexander Murashov sangen stimmgewaltig und wie unter Hochspannung 22 Lieder und Arien, vornehmlich solche aus Russland und aus Italien.
Beginnend mit einem russischen Volkslied und dem dramatischen „Wie auf glühender Asche“ von Peter Tschaikowski wurde von den ersten Takten an klar, dass der Tenor Alexander Murashov nicht taktieren und keine Gefangenen machen würde. In Heldentenor-Pose ließ er seinem Luxusorgan freien Lauf, hielt die Stimme bis hin zur umjubelten Zugabe, dem berühmten Duett „Libiamo“ des Alfredo und der Violetta aus Verdis „La Traviata“ unter Druck, kraftvoll und kernig, mutig bis zum tollkühnen Mini-Aussetzer.
Auch die sich mit ihm abwechselnde Sopranistin Anna Avakian bevorzugte die dramatische Aussage, die riskante Höhe, das Leidenschaftliche und den gesteigerten Ausdruck. Echte Lieder gab es nur wenige, ansonsten hörte das überwältigte Publikum eine rasche Folge von berühmten Opernarien von Rachmaninow, Donizetti, Giordano, Mozart, Verdi, de Curtis, aber auch Claras Wiegenlied „Summertime“ aus „Porgy and Bess“.
Avakian entzückte ganz besonders mit „Le chemins de l’ amour“ von Francis Poulenc und Murashov mit dem unsterblichen „O sole mio“ von Eduardo di Capua. Nikolaus Nägele am Klavier stand bei diesem umjubelten Stimmenfestival zu Unrecht etwas im Hintergrund.
