Oldenburg - Erfolgreiche Literatur wird gern, wenn auch nur selten gut, verfilmt. Noch seltener kommt es allerdings vor, dass einem kaum beachteten Roman erst über den Umweg seiner Verfilmung die verdiente Wahrnehmung und Würdigung zuteil wird. So ein rezeptionsgeschichtlicher Glücksfall ist Henri-Pierre Rochés „Jules und Jim“. Denn der französische Regisseur François Truffaut, damals am Beginn seiner Karriere, fischte das Buch im Jahr 1955 aus der Grabbelkiste eines Pariser Buchhändlers, „verliebte sich von den ersten Zeilen an rettungslos in diese Prosa“, verlieh dieser Liebe schließlich in seiner Verfilmung von 1962 kongenialen Ausdruck und verhalf damit dem Buch zu internationalem Erfolg und dem 1959 gestorbenen Autor zu postumem Ruhm.
Ménage-à-trois
Roché, geboren 1879 in Paris, war zu Lebzeiten ein weltweit gereister und entsprechend gut vernetzter Kunsthändler, befreundet mit fast allen künstlerischen Größen seiner Zeit und ein Mann, der die Frauen liebte. In „Jules und Jim“ erzählt er, stark autobiografisch grundiert, die Geschichte einer Ménage-à-trois in den Jahren vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Zwischen dem deutschen Schriftsteller Jules, dessen Freund, dem Franzosen Jim, und der Berlinerin Kathe entwickelt sich eine jahrelange Dreiecksbeziehung, ebenso leidenschaftlich wie widersprüchlich, ebenso entspannt wie kompliziert, ebenso glücklich wie traurig. „Glück lässt sich schlecht erzählen. Es nutzt sich ab, ohne dass man den Verschleiß erkennt.“ Und „vollkommene Liebe empfindet man nur für einen Moment“. Von Dauer ist jedoch die Freundschaft. Sie ist das eigentliche Thema dieses Buchs, das himmelhoch jauchzend beginnt und zu Tode betrübt endet.
Vorbild der Romanfigur
Das Vorbild für Jim war übrigens Franz Hessel, ein Schriftsteller und Übersetzer, der uns in dieser Kolumne noch einmal begegnen wird – nicht als Romanfigur, sondern als Autor seiner Version dieser Liebe und Freundschaft.
