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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Die Prostituierten und die Poesie

26.01.2019
Frage: Was haben Walter Benjamin, Stefan George oder Carlo Schmid eigentlich falsch gemacht, dass man die „Blumen des Bösen“ jetzt noch einmal aus dem Französischen ins Deutsche übersetzen muss?
Marlis Thiel: Diese Übersetzer haben in meinen Augen überhaupt nichts falsch gemacht. Es geht einfach darum, dass Übersetzungen für die jeweilige Zeit geschrieben werden, in der sie entstehen – und die Zeit hat sich einfach verändert mit den Jahrzehnten. Ich habe versucht, die Sprache Baudelaires unserer Sprache anzupassen.
Frage: Und worin zeigt sich das?
Thiel: Es gibt etwa bestimmte Worte, die wir nicht mehr im Sprachgebrauch haben. Wenn man dann zwanghaft ein deutsches Wort sucht, kann das komisch wirken. Zum Beispiel im Gedicht „Klage des Ikarus“, da schreibt Baudelaire: „les amants des prostituées“. Rilke übersetzt das: „Die bei den Dirnen trafen“. Stefan George schreibt: „Die Dirnen mit ihren Buben“. Solche Umschreibungen kann man heute nicht mehr machen. In meiner Übersetzung heißt es: „Die Freier, die leicht zu Mädchen finden“. Übrigens war Baudelaire der Erste in der Poesie, der überhaupt von Prostituierten schrieb.
Frage: Alle Gedichte wurden von Ihnen übersetzt – nur der Buchtitel nicht: „Les Fleurs du Mal“ – warum?
Thiel: Ich meine, der Titel hat sich auch so im Deutschen durchgesetzt. Der Buchtitel ist zum Begriff geworden. Das Französische hört sich in meinen Ohren auch viel leichter und schöner an als die deutsche Übersetzung „Die Blumen des Bösen“ das klingt halt sehr moralisch, und ist es auch; aber die Blumen des Bösen sind auch die Blumen des Schönen, das kommt im Französischen viel besser heraus.
Frage: Das Buch von Baudelaire hat damals sehr provoziert. Es gab Gerichtsprozesse und eine Zensur...
Thiel: Da sind wir wirklich Gott sei Dank viel weiter, es gibt keine Zensur. Denn jede Zensur kann einen Dichter zerstören, und dies war ja auch bei Baudelaire der Fall. Der Gerichtsprozess damals gegen ihn und seine angeblich anstößigen Gedichte hat ihn schon tief beleidigt und gedemütigt. Es war ein tiefer Einschnitt in seine Biografie. Er hat danach sogar sein geliebtes Paris verlassen.
Frage: Zensur und Prozess waren eine Strafe – aber war das nicht doch Werbung?
Thiel: Ja, letztlich war es tatsächlich auch Werbung. Das Buch wurde danach rasant in andere Sprachen übersetzt, die Auflagen haben sich überschlagen. Die Resonanz war geradezu unheimlich. Ähnlich erging es ja auch Flaubert mit seinem angeblich anstößigen Roman „Madame Bovary“; beide Bücher setzten sich durch, und man bewundert sie bis heute.
Frage: Was war Baudelaire für ein Mensch?
Thiel: Er war grundsätzlich im Widerspruch mit sich und im Streit mit der Welt, die sich damals im Zeitalter der Industrialisierung rasant veränderte. Und auch die Figur des Dichters veränderte sich. In den Augen von Baudelaire musste der Dichter im Widerspruch zur Welt stehen. Daraus schöpfte er seine Kreativität.
Frage: Gibt es deutsche Dichter in Baudelaires Tradition?
Thiel: Da fällt mir zuerst Gottfried Benn ein. Er ist eine Art deutscher Baudelaire, auch Benn hat sich als Schmerzensmann gesehen und selbst die Blumen das Bösen gepflückt.
Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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