Der Dichter und der Literaturkritiker
Wilhelm Busch
(1832– 1908) stammt aus Wiedensahl bei Hannover. Berühmt wurde er durch Bildergeschichten wie „Max und Moritz“, „Hans Huckebein“ oder „Fipps, der Affe“.Hellmuth Karasek
(74) arbeitete als Literaturkritiker u.a. beim „Spiegel“ und bei der „Zeit“. Bekannt wurde er als Mitglied des „Literarischen Quartetts“ im ZDF. In Oldenburg startete er eine Wilhelm-Busch-Lesereise.Wilhelm Busch starb vor genau 100 Jahren. Karasek erinnerte in Oldenburg an den Dichter.
Von Karsten Krogmann
Oldenburg Als Lausbub war Wilhelm Busch nicht sehr erfolgreich. Zwar stahl er einmal dem Vater das Flintenpulver, um dessen Pfeife zur Explosion zu bringen. Der Diebstahl flog aber vorzeitig auf; es explodierte allein der Vater, der den kleinen Wilhelm tüchtig verprügelte. Erst Jahre später probierte Busch erneut eine Pfeifensprengung aus, diesmal mit Tintenpulver: „Rums! Da geht die Pfeife los, mit Getöse, schrecklich groß.“
„Weltliteratur!“, lobt Professor Dr. Hellmuth Karasek 143 Jahre später Buschs „Max und Moritz“. Und weiter: Wilhelm Busch sei der „Erfinder des Comics“ gewesen, mehr noch, „der unerreichte Meister“. Auf weißer Leinwand, fliegt dem Pfeifenopfer Lämpel zur Veranschaulichung noch einmal etwas unscharf sein Hausstand um die Ohren. „Können Sie das sehen?“, fragt Karasek: „Wilhelm Busch hat in dieser Zeichnung die Technik des Kinos vorweggenommen, obwohl es noch gar kein Kino gab!“
Jetzt hat er es mit seiner Tabakexplosion und all den anderen Geschichten sogar ins Theater geschafft, ins Große Haus. Schwarzer Lesetisch, schwarzer Anzug, hinten warten ein schwarz befrackter Pianist und ein schwarzer Flügel. Der Virtuos’ stürzt darauf los, durchwühlt Regers „Caprice“. Karasek versucht sich derweil einen Reim darauf zu machen, wühlt im Zettelhaufen danach, „ich muss mich erst ein bisschen ordnen“. Im Staatstheater wird fröhlich gekichert, erst über Karasek, dann über Busch: „Ein gutes Tier/ ist das Klavier/ still, friedlich und bescheiden/ und muss dabei/ doch vielerlei/ erdulden und erleiden.“
Und das Klavier hat noch Glück gehabt. Bei Wilhelm Busch werden sonst Nasen verdreht, Leute verbrannt, Tieren die Schwänze abgeschnitten. „Schwarze Pädagogik“, nenne man das, so Karasek, der gleich einen Bogen zu Heinrich Hoffmann und dessen „Struwwelpeter“ schlägt, wo Kindern gar die Daumen abgeschnitten werden. Karasek hat sich diese Literatur von den Erziehern trotzdem nicht ausreden lassen: „Ich habe sie an allen meinen Kindern durchexerziert.“
Eine Lesung sollte es sein, Karaseks Programm „Wilhelm Busch und die Folgen“, in Wirklichkeit hält der 74-Jährige aber einen Vortrag. „Jeder weiß, was so ein Mai-/Käfer für ein Vogel sei“, zitiert er „Max und Moritz“ und doziert: „Ein Reim mitten durchs Wort, so was hat es vorher nicht gegeben!“ Er hetzt interpretierend durch „Die fromme Helene“, „die Tierquälereien lasse ich mal aus“, schwärmt: Verliebt habe er sich in Helene, „der Dutt, der dralle Ausschnitt, das freche Lächeln“. Eins, zwei, drei im Sauseschritt, so läuft die Zeit, wir laufen mit.
Ach ja, schnell noch die Folgen. Karasek trägt amüsiert Kurt Tucholsky vor, Robert Gernhardt, Heinz Erhardt. Und Hans Traxler, der wie Busch ein naturwissenschaftliches Alphabet geschrieben hat: „Der Quastenflossler sagt ich nütze/ die Qualle gern als meine Mütze.“
Und die Moral von der Geschicht’? Die weiß Traxler selber nicht. Aber Wilhelm Busch, der Experte für Lausbubenstreiche, hat bekanntlich eine: „Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, das man lässt.“
Munterer Beifall – erstens will es so der Brauch, zweitens will man’s selber auch.
