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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Literatur: „Klischees sind wie eine Brille“

12.08.2020
Frage: Herr Kaminer, alle Welt redet über Rassismus und Diskriminierung. Welche Erfahrungen haben Sie als Russe in Deutschland damit gemacht?

Kaminer: Ich fühle mich nicht diskriminiert, aber ich werde auch mit Klischees konfrontiert. Früher bekam ich bei jeder Lesung eine Flasche Wodka auf den Tisch gestellt, weil Russen ja bekanntlich Wodka trinken, mit Bären tanzen und Balalaika spielen. Als ich noch ein junger Schriftsteller war, habe ich versucht, das zu bekämpfen, indem ich sagte: Das stimmt doch gar nicht, nicht alle Russen sind so.

Frage: Heute tun Sie das nicht mehr?

Kaminer: Irgendwann habe ich eingesehen, dass ich die Klischees auch instrumentalisieren kann. Sie sind eine Brille, durch die Menschen aufeinander schauen – wenn man ihnen diese Brille abnimmt, sehen sie gar nichts.

Aber ich kann die Optik schärfen, zum Beispiel indem ich zeige, dass es Russen gibt, die weder Wodka noch Putin mögen, sondern lieber Rotwein trinken und Putin kritisch sehen. Ich freue mich immer, wenn ich als Russland-Experte interviewt werde, weil ich denke: Besser ich als ein anderer.

Frage: In Ihrem Buch „Rotkäppchen raucht auf dem Balkon“ schreiben Sie über die Generationenkonflikte im Hause Kaminer. Was sagt Ihre Familie dazu, dass Sie den gemeinsamen Alltag so publik machen?

Kaminer: Ich glaube, sie sind es gewöhnt. Und eigentlich schreibe ich ja auch nichts wirklich Privates. Meine Tochter wird jetzt 24, das heißt sie ist ein erwachsener Mensch, meine Mutter wird 89. Das sind Generationen, die alle einen Neustart versuchen, weil die Welt sich so stark verändert hat. Darüber schreibe ich. Wie Menschen auf ihre unterschiedliche Art und Weise klarkommen in dieser sich verändernden Welt.

Frage: Ihre Mutter ist Ihrem Buch zufolge ja sehr offen für die moderne Technik, sie nutzt ein Handy und spielt mit dem Schachcomputer…

Kaminer: Sie gibt immer damit an, dass sie gegen den Schachcomputer gewinnt, aber ich glaube, es liegt daran, dass sie sehr lang nachdenkt und der Computer sich irgendwann automatisch ausschaltet.

Frage: Wie sehr haben Sie als Schriftsteller unter Corona und dem Ausfall der Auftritte gelitten?

Kaminer: Er war ein heftiger Umbruch für mich. Und ich sehe in meiner Branche, der Veranstaltungsbranche, eine beunruhigende Strömung. Viele Leute denken: „Wozu Theater und Konzerte, wo man doch alles im Internet streamen kann? Wie viel Kerosin und Strom können wir sparen, wenn wir zu Hause bleiben!“ Ich wundere mich über diese krasse Umstellung. Es ist ja mittlerweile gesellschaftlicher Mainstream geworden, dass wir uns rückbesinnen sollen; weniger reisen, weniger konsumieren, am besten nichts tun und in die Wolken schauen, ein Buch lesen, Musik hören. Die ganze Welt steht auf Pause – und gerade die jungen Leute, die Generation meiner Kinder, findet das gut.

Frage: Sie selbst finden diese Entschleunigung nicht gut?

Kaminer: Ich sehe da ein unlösbares Problem, ein Paradox. Jeder von uns hat doch beides in sich, den Urmenschen und den modernen Menschen, und die kommen nie zusammen. Durch Corona ist der Konflikt zwischen Archaik und Moderne zum Vorschein gekommen. Ich glaube aber, dass der Wunsch nach Mäßigung im Kapitalismus nicht berücksichtigt werden kann, auch wenn die jungen Leute Wirtschaftswachstum als eine Sünde betrachten und das chillige Leben als Alternative zur Konsumgesellschaft sehen.

Frage: Wollen Sie die Corona-Krise literarisch verarbeiten?

Kaminer: Das werde ich auf jeden Fall tun. Ich möchte nächstes Jahr mein Corona-Buch mit dem Titel „Deutschland raucht auf dem Balkon“ rausbringen. Danach wird mein nächstes Projekt „Traumland Deutschland“ sein. Da ich ein solches Buch allerdings nicht schreiben kann, ohne zu reisen, und ich im Reisen zuletzt etwas behindert war, geht es nicht so schnell voran wie geplant.

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