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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Literatur: Voller Misstrauen gegenüber der Macht

09.12.2017
Frage: Haben Sie den Schriftsteller Heinrich Böll (1917– 1985) noch persönlich kennengelernt?

Schnell: Nein, leider nicht. Als ich ihn hätte kennenlernen können, als junger Student in Köln, habe ich mich, ehrlich gesagt, nicht getraut, ihn anzusprechen. Ich habe gedacht, das sei nicht angemessen, dass man als junger Mensch zu einem bedeutenden Autor geht und dessen Zeit stiehlt.

Frage: Welches Werk von Böll würden Sie einem jungen Böll-Einsteiger zur Lektüre empfehlen?

Schnell: Ich würde mit den Kurzgeschichten beginnen, die inzwischen zu den Klassikern der deutschen Literatur gehören. Dazu zählen etwa „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ oder „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“. Auch der Text „An der Brücke“ ist sehr gut, er erzählt von den sinnlosen Tätigkeiten eines Kriegsversehrten. Zudem würde ich die „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ empfehlen. Ein sehr subversiver, heiterer Text.

Frage: Und für etwas ältere Leser?

Schnell: Da würde ich die „Verlorene Ehre der Katharina Blum“ empfehlen. Es ist sicher das bekannteste Werk von Böll, nicht zuletzt dadurch, dass Volker Schlöndorff es mit Angela Winkler und Mario Adorf verfilmt hat.

Frage: Und nun die Deutschlehrerfrage: Was hat uns Böll heute noch zu sagen?

Schnell: Sein Werk liegt ja in der Kölner Werkausgabe mit insgesamt 27 Bänden vor, und die zeigen: Sein Werk ist ein literarisches und historisches Dokument der Bundesrepublik Deutschland. Aber es gibt gewiss Werke, die sehr zeitgebunden sind, und damit nicht so aktuell. Zum Beispiel das Thema Kirche hat seine Brisanz verloren, auch durch den Einfluss von Böll. Und dann gibt es Werke, die über ihre Zeit hinausweisen, etwa die großen Romane „Billard um halb zehn“ oder „Ansichten eines Clowns“. Oder, literarisch noch anspruchsvoller: Bölls letzter Roman „Frauen vor Flusslandschaft“ mit seiner messerscharfen Kritik an der Gegenwart.

Frage: Sie haben ein Buch über „Böll und die Deutschen“ geschrieben. Wie war das Verhältnis zueinander?

Schnell: Es sind zwei Seiten einer Medaille. Seine Grunderfahrungen hat der mehrmals verwundete Böll im Zweiten Weltkrieg gemacht. Da entstand sein antiautoritäres Verhältnis zu dem Mächtigen, sein grundsätzliches Misstrauen gegenüber der Macht im Staate. Er hatte den Irrsinn von Disziplin um ihrer selbst willen erkannt. Er misstraute jeder Autorität, die sich nicht wirklich ausweisen konnte, etwa jener der Kirche. Umgekehrt wurde er als bedeutender Intellektueller wahrgenommen, allerdings haben ihn auch viele bekämpft, haben ihn in die Nähe des Terrorismus gerückt – was völlig falsch war. Es gab eine Hetzkampagne gegen ihn, weil einige Politiker und Journalisten behaupteten, er habe Gewalt glorifiziert, doch das Gegenteil ist richtig.

Frage: Nachdem Böll 1972 den Nobelpreis für Literatur erhalten hatte, bekam er auch gleich das Etikett „Gewissen der Nation“ angeklebt.

Schnell: Er hat nichts von solchen Klischees gehalten. Er wurde ja auch „Der gute Mensch von Köln“ genannt. Böll hat derlei Bezeichnungen stets von sich gewiesen.

Frage: René Böll, der Sohn von Heinrich Böll, behauptet, die Boulevard-Presse habe mit ihrer Hetze zum frühen Tod von Böll mit 67 Jahren beigetragen. Sehen Sie das auch so?

Schnell: So weit würde ich nicht gehen, aber es ist aus allen Dokumenten deutlich erkennbar, dass er wirklich unter den Attacken, besonders der Springer-Presse, gelitten hat. Die haben ihm psychisch zugesetzt. Das hat ihn auch körperlich regelrecht versehrt.

Frage: Sehen Sie in der Gegenwart einen deutschen Autor in der Tradition Bölls?

Schnell: Es hat eigentlich nach Bölls Tod 1985 eine Vergesellschaftung dessen stattgefunden, was Böll gemacht hat. Gruppen wie Greenpeace, Amnesty oder die sozialen Netzwerke sind heute aktiv. Aber es gibt eine singuläre Ausnahme in der Tradition von Böll: Navid Kermani. Dieser Autor äußert sich an politischen Nahtstellen, etwa von Islam und Christentum, aber auch zu politischen Themen wie Migration und Öffentlichkeit. Kermani mischt sich auf wohltuende Art öffentlich ein.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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