LONDON - Nein, es schickt sich wohl nicht, dass sich Constanza, die Heldin aus Sybille Bedfords Roman „Ein Liebling der Götter“, so undamenhaft benimmt. Sie hat Liebschaften (unerhört viele sogar), und führt ein Bohemienleben zwischen London und der Côte dAzur, frei von Konventionen und Normen, ist außerdem klug und politisch gebildet. Alles in allem eine gefährliche Mischung für eine Frau aus gutem Hause – damals Mitte der Dreißiger Jahre.
Tochter eines Barons
Weit gucken musste Sybille Bedford (1911–2006) im Übrigen nicht, um die Figur der unangepassten Constanza zu entwickeln. Die eigene Familie lieferte ihr die Vorlagen, die sie 1963 in „Ein Liebling der Götter“ und 1968 im Folgeband „Ein trügerischer Sommer“ verarbeitete.
Doch wer war eigentlich die Schriftstellerin und Journalistin, die hier zu Lande nur wenigen Lesern bekannt ist und am 16. März 100 Jahre alt geworden wäre?
Sybille Bedford kommt in Berlin zur Welt – als Tochter eines deutschen Barons und seiner schönen wie vermögenden Ehefrau. Sybille Aleid Elsa von Schoenebeck lautet der Geburtsname. Der Vater besitzt den Titel, die Mutter das Geld – in der Tochter wird beides zusammengeführt. In der Figur der Constanza – „Produkt“ einer reichen Amerikanerin und eines exzentrischen römischen Fürsten – treibt Bedford diese Verschmelzung noch auf die Spitze: Ausgestattet mit dem Temperament des Vaters und der Intelligenz der Mutter kultiviert sie eine Lebensweise, die sie nach dem Ersten Weltkrieg zum Liebling von Künstlern und Intellektuellen werden lässt. Erst in London, später an der Côte dAzur.
Auch Sybille ist zeitweilig in Südfrankreich gestrandet. Die Ehe der Eltern ging in die Brüche. Mit ihrer Mutter zieht sie nach Sanary-sur-Mer, Heimat vieler deutscher Künstler, die vor den Nationalsozialisten geflohen sind. Dort lernt Sybille Klaus und Erika Mann kennen, sowie ihr großes Idol Aldous Huxley. Über ihn wird sie später eine Biografie schreiben.
Mutter und Tochter geben sich dem süßen Nichtstun hin. Gewiss, die politische Situation ist beunruhigend. Hitler kommt in Deutschland, Mussolini in Italien an die Macht. Auch Constanza, Verächterin des Kapitalismus und bekennende Sozialistin, verschließt nicht die Augen vor der Wirklichkeit. Und trotzdem bleiben die gesellschaftlichen Ereignisse nur Randerscheinungen – zu sehr dreht sich alles um die eigenen Befindlichkeiten.
Der Abgrund naht
Das hört sich (zugegebenermaßen) oberflächlich an, doch spürt man, wie es hinter der glitzernden Fassade brodelt. Der Roman ist ein Abgesang auf eine Welt voller Dekadenz und Leichtigkeit. Ähnlich wie auch der Putz des Palazzos, dem Elternhaus von Constanza, nach und nach bröckelt, offenbaren sich Risse im Leben der Heldin und ihrer Tochter. Der Abgrund naht – man ignoriert ihn dennoch.
