LONDON - Mit seinem Namen verbinden sich zuerst Fotos: Ralf Dahrendorf diskutiert als junger Dozent auf dem Dach eines Fernsehwagens mit Rudi Dutschke, Dahrendorf spricht als FDP-Abgeordneter vorm Bundestag, Dahrendorf sorgt als Kommissar der Europäischen Gemeinschaft für Unruhe, Dahrendorf wird von der britischen Königin zum Ritter geschlagen.

Unter Hitler eingesperrt

Hinter diesen Bildern versteckt sich eine einzigartige Vita. Als Hitler die Macht übernahm, war Dahrendorf erst vier Jahre alt, aber die Nazi-Jahre prägen ihn: Seine Familie wird verfolgt, sein Vater als sozialdemokratischer Widerstandskämpfer vom Volksgerichtshof verurteilt, der kleine Ralf von der Gestapo eingesperrt. Mit 18 beginnt er in Hamburg das Studium der Philosophie, nebenher betätigt er sich journalistisch. Seine Doktorarbeit schreibt er über Karl Marx. Aber Stammeszugehörigkeiten sind nicht die Sache des späteren Leiters der London School of Economics (1974–1984).

Städtewechsel, Wohnungswechsel, Meinungswechsel: Das einzig Dauerhafte scheint bei ihm die Veränderung. Nach 1945 gehörte Dahrendorf für fünf Jahre der SPD an. 1967 trat er in die FDP ein, 1988 wieder aus. 1968 zog Dahrendorf für die Liberalen noch als Abgeordneter in den Landtag von Baden-Württemberg ein, doch legte er 969 sein Mandat nieder. Er ging in den Bundestag, den er aber 1970 verließ.

Übrigens ist der Europafreund ein Feind des Euro. Dahrendorf guckt und greift einem glatt ins Portemonnaie, zeigt einem, dass sich Europas Münzen gar nicht national mischen. Er lässt sich eben nicht festlegen, er geht, wie der treffende Titel seiner Autobiografie sagt, gern „Über Grenzen“.

Der liberale Lord, anerkannte Soziologe und Schriftsteller war von seiner Profession her nie etwas alleine, sondern immer vieles gleichzeitig. Er war nie ganz weit oben, aber stets öffentlich präsent. Er hat nie allerhöchste Ämter erklommen, doch die Stimme des Baron of Clare Market in the City of Westminster wird nicht nur im britischen Oberhaus gehört.

Immer pendelnd

Was an Dahrendorf und seinen literarischen Erinnerungen besticht, ist die konsequent selbstkritische Offenlegung der eigenen Person. Oder die Ausführung so mancher Idee. Wie für den ewig unruhigen Intellektuellen das 28. Lebensjahr zur „Achsenzeit“ wurde, wie er diesen Gedanken ausführt, dass wir alle ein bestimmtes persönliches Alter zeitlebens mit uns herumschleppen, das ist äußerst nachdenkenswert.

Bis heute ist Dahrendorf ein Solist geblieben. Er gehört auf sympathische Art nirgendwo hin. Seit einiger Zeit lebt er in Köln, pendelt aber nach England. Interviews meidet er. Wenn es nach 1945 in Deutschland je einen unabhängigen Geist gegeben hat, dann ist er es.