LONDON - Krankhafte Fresssucht, so die These, sei die Ursache für Händels sublimste Kompositionen gewesen. Eine chronische Bleivergiftung habe zu seiner Hinwendung zu Oratorien geführt. Gerade weil Georg Friedrich Händel so unmäßig gesoffen habe, sei das Spätwerk umso grandioser ausgefallen. Mit diesen Thesen schockt der Händel-Experte David Hunter die Musikwelt. Passend zu den Feierlichkeiten zu Händels 250. Todestag am 14. April veröffentlichte der Musikwissenschaftler an der Universität von Texas eine Studie, die neues Licht auf den Komponisten wirft.
Hunters Untersuchungen sind in dem Katalog zur Ausstellung enthalten, die soeben im Londoner Händelhaus-Museum eröffnet wurde. Man weiß überraschend wenig über das Privatleben Händels, aber seine Fresssucht ist gut dokumentiert. Karikaturen zeigten ihn als gierigen Fettwanst. Hunter sieht in Händels Heißhunger weniger eine Charakterschwäche als vielmehr eine Essstörung: „Händel konnte seine Nahrungsaufnahme nicht kontrollieren, selbst wenn dies
bedeutete, Freunde zu verlieren oder sich der Lächerlichkeit preiszugeben.“
Und weil Händel zum Essen Unmengen von Wein und Port trank, führte diese Veranlagung zu einer schleichenden Bleivergiftung. Denn Blei war damals überall: im Wasser, im weißen Staubpuder, mit dem Händel seine Perücken auffrischte, im Essen und vor allem im Wein. Schon seit altersher diente Blei dazu, sauren Wein schmackhafter zu machen. Port war besonders giftig, weil er mit Brandy versetzt wurde, den man in bleihaltigen Destillen produzierte.
Bleivergiftung führt zu Kopfschmerzen, Koliken und Wutanfällen. Chronische Belastung hat rheumatische Schmerzen, Lähmung, Verwirrung und Gedankenverlust zur Folge. Später kommt es zu Erblindung und Taubheit. All das sind Symptome, die bei Händel aufgetreten sind. Ein erster Höhepunkt der Krankheit war 1737 erreicht, als er die Arbeiten an einer Opernaufführung abbrechen musste, weil er aufgrund eines gelähmten rechten Armes nicht mehr dirigieren konnte. Der Sachse fuhr zur Kur nach Aachen.
Mehrere Monate hielt er es bei Schwitzkuren und Diät aus und kehrte wiederhergestellt nach London zurück. Der Rückfall blieb nicht aus. Bis zu seinem Tod wechselten sich Kuren und Erkrankungen ab.
Das Jahr 1737 markiert zugleich einen anderen Wendepunkt in Händels Leben – die Abwendung von der Oper und die Konzentration auf das Oratorium. Erst seine Krankheit, so argumentiert der Musikhistoriker, zwang Händel, sich in der Kunstform des englischen Oratoriums neu zu erfinden: War es doch einfacher zu produzieren, schneller aufzuführen und entsprach zudem mehr und mehr der Gemütsverfassung des Maestros.
Händels chronische Schmerzen, die Todesangst, die persönliche Misere hätten zu einem Interesse am Leiden anderer geführt. Die Götter, Könige und Helden früherer Opern wurden abgelöst durch tragische und menschliche Figuren. „Er richtete sich mehr nach innen“, so Hunter, „und schrieb Musik, die Geschichten von menschlichem Leid erzählte. Wäre es nicht wegen seiner physischen Gebrechen, hätte er vielleicht weiterhin Opern geschrieben – und das wäre ein Desaster gewesen.“
