Los Angeles - Mit einer einzigartigen Sicherheit schreibt der Amerikaner Michael Connelly (61) Jahr für Jahr seine Kriminalromane um den Ermittler Harry Bosch. Sein Rezept? Gute Geschichten, die in immer klarer Sprache erzählt werden. Geschichten, die spannend sind. Und Geschichten, die sich Zeit nehmen.
Das ist überhaupt ein Markenzeichen dieses Schriftstellers: Er bleibt über viele Seiten an seiner Hauptfigur hängen, schildert deren Gedanken und versucht dabei nicht, dichtermäßige Sätze zu schmieden, die ihn als gehobenen Autor ausweisen. Aber das darf uns nicht täuschen, denn das Einfache ist genial gelungen – deshalb hat Connelly Millionenauflagen und Peter Handke nicht.
Der amerikanische Schriftsteller hat mit Harry Bosch und dessen Polizeiarbeit in Los Angeles seit den neunziger Jahren eine faszinierende Figur entwickelt. Bosch ist, soweit man das beurteilen kann, dicht an der Realität angelegt. Nun ermittelt der erfahrene Detektiv erstmals als Rentner. Er ist aus dem Dienst gedrängt worden – von den gar nicht lieben Kollegen.
Im Krimi „Ehrensache“ kümmert er sich um einen Mord an der Frau eines Polizisten. Der Täter scheint ausgemacht und sitzt in Haft. Doch Mickey Haller, Halbbruder von Bosch und Strafverteidiger, sieht das anders und heuert den erfahrenen Bosch an. Damit wechselt Bosch die Seite: Er ermittelt für die Verteidigung. Auf 411 Seiten recherchiert Bosch ausführlichst, und Connelly ist sich dabei nicht zu schade, selbst das stupende Durchsehen von Aufnahmen einer Überwachungskamera zu schildern – da fühlt man sich beim Lesen komischerweise wohl, das wirkt urgemütlich, jederzeit verständlich und entwickelt Suchtpotenzial. Wie bei Connelly üblich geht es nicht um spektakuläre Schießereien oder wilde Verfolgungsfahrten, sondern um penible Arbeit. Und das alles ist gespickt mit Rückschlägen in der Ermittlung, garniert mit dem Neid von Kollegen oder gewürzt mit der Bosheit der Kriminellen. Also sehr realistisch.
Bosch stochert im Sumpf der Polizei und gerät ins Visier der Täter. Manchmal verrennt er sich, oft liegt er richtig. Dabei ist seine Arbeit zutiefst Gedankenarbeit, und man wundert sich, wie Romane mit Bosch verfilmt worden sind, ohne dass die Zuschauer murrten. Connelly-Krimis gehören zu den erfolgreichsten überhaupt. Das hat damit zu tun, dass der Harry Bosch im Buch eigentlich Hieronymus Bosch heißt, wie der Maler (1450–1516), der uns vor einer wimmelnden, wilden Welt rätseln lässt, einer Welt, gefüllt mit Symbolen von Todsünden, mit Dämonen, Fabelwesen und Geheimnissen.
Connelly hat den einsamen Detektiv so angelegt, dass dieser versucht – wie ein Kunsthistoriker die Rätselbilder jenes Malers –, das Schreckenschaos unserer Welt zu entwirren, zumindest das Böse zu mildern. Wie Bosch daran naturgemäß scheitert, ist wunderbar zu lesen, auch im neuen, bereits 20. Thriller.
Das Einzige, was uns ärgert? Dass Connelly jährlich nur einen Krimi vorlegt. Geht es nicht schneller?
