• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Kultur

Wunderbare Texte vom unordentlichen Malocher

09.03.2019

Los Angeles Seine Liebesgedichte sollen es inzwischen sogar in einer Übersetzung in den Iran geschafft haben. Dabei spielen Prostituierte und Sex in den Strophen und Versen eine wichtige Rolle. Und der Alkohol.

Neben dem Pult hatte bei seinen Lesungen ein gut gefüllter Kühlschrank mit Dosenbier zu stehen. Zum Ritus gehörte weiter, dass sich der Vortragende besoff. Später empfing er freudig seine weiblichen Bewunderer. So war, so wollte man ihn sehen, so wurde er als Schriftsteller gestylt. Und so wird er, der Amerikaner Charles Bukowski, der am 9. März 1994 im Alter von 73 Jahren bei Los Angeles gestorben ist, noch lange in Erinnerung bleiben.

„Dirty Old Man“ nannte sich der 1920 in Andernach am Rhein geborene, ab seinem zweiten Lebensjahr in Los Angeles aufgewachsene Dichter gern selbst. Damit war viel, aber längst nicht alles über ihn gesagt. Hatte er sich doch lange hart am Rande der Legalität als Leichenwäscher, Obstpflücker und Gammler durchgeschlagen.

Huren, Zuhälter, Alkoholiker und Sexbesessene schienen sein täglicher Umgang zu sein, so dass seine bevorzugten Themen – vom bitteren Geschmack ordentlicher Maloche über veritable Saufereien bis zu Vor-Aids-Exzessen – nur logisch wirken.

Indes, Bukowski war ein routinierter Bürgerschreck mit dem Hang zur Attitüde. Dass dies auch die Selbstparodie auf den Intellektuellen-Rummel beinhaltet, steht außer Frage. Doch viele nahmen die literarisierte Nabelschau eines vermeintlich kaputten Menschen für dessen Lebensbeichte, nahmen Bukowski, schlimm genug, ernst.

Jean Genet hielt ihn tatsächlich für den „stärksten Dichter Amerikas“. Henry Miller sah jede Zeile von Bukowski „infiziert vom Terror des amerikanischen Albtraums“. Dabei war Bukowski einer der größten Komiker der US-Literatur, wie allein sein erster wunderbarer Roman „Der Mann mit der Ledertasche“ beweist. Auch und gerade in Deutschland wurde der Kult um das zernarbte Gesicht gepflegt, von seinem langjährigen Übersetzer Carl Weissner gut gefördert.

Natürlich hat Bukowski im Laufe der Zeit seine befleckte Unschuld verloren und die Reputation eines ordentlich unordentlichen Schriftstellers erlangt. Wenn er sich mit Bierbauch unterm speckigen T-Shirt, einer Flasche Bier in der Hand und selbstredend unrasiert ablichten ließ, dann steckte dahinter die gepflegte Pose einer werbewirksamen Vermarktung. Doch Bukowski ist bis heute bedeutend, unter anderem weil er provozierte. Er hat sich durch puritanische Tabus gekämpft, um den Geruch des Trivialen durch jene Drastik zu schwängern, die in gelehrigen Abhandlungen schüchtern mit „poesiefähiger Alltag“ umschrieben wird.

Anders gesagt: Bukowski verstand es genial, das Abgestumpfte zum Wesentlichen zu erheben und mit fester Hand zu packen. So, wie man eine ausgequetschte Zitrone nicht mehr loslassen kann. Oder die Bierdose in der Hand.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
Rufen Sie mich an:
0441 9988 2060
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.