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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Machtkampf und Familienstreit

30.06.2010

KIRCHHATTEN „Natürlich möchte ich unter allen Umständen in dem Verlag sein, den Sie leiten.“ So schrieb Bertolt Brecht 1950 an Peter Suhrkamp. Kurz darauf gründete der leidenschaftliche Büchermacher – ein Bauernsohn aus dem Dorf Kirchhatten bei Oldenburg – in Frankfurt/Main den nach ihm benannten Verlag – eine beispiellose Erfolgsgeschichte begann.

Die berühmtesten Schriftsteller der Nachkriegszeit – neben Brecht auch Hermann Hesse, Max Frisch, Martin Walser, Uwe Johnson – fanden dort ein geistiges Zuhause. Aus dem Ausland sind Größen wie Samuel Beckett, James Joyce oder Marcel Proust vertreten. Und die Autoren der „Frankfurter Schule“, allen voran Theodor W. Adorno und später Jürgen Habermas, stießen mit ihren Aufklärungstheorien die Revolution der 68er-Generation an. Insgesamt sind zwölf Nobelpreis- und 28 Büchnerpreisträger unter den Suhrkamp-Autoren.

Am 1. Juli wird der Verlag 60 Jahre alt. Er hat in seinem Jubiläumsjahr bereits eine tiefgreifende Zäsur hinter sich: Im Januar zog Verlegerin Ulla Unseld-Berkiéwicz, die Witwe des langjährigen zweiten Firmenpatriarchen Siegfried Unseld, mit dem traditionsreichen Unternehmen vom Main an die Spree – gegen heftigen Widerstand aus der Belegschaft.

Pressescheue Chefin

Nach jahrelangen Machtkämpfen erhoffte sich die frühere Schauspielerin und Autorin von Berlin einen Neuanfang. „Die Straßen der Hauptstadt sind breiter, dort kann man vielleicht sogar ein Stück weit aufrecht gehen“, sagte die pressescheue Verlagschefin in einem Interview.

Der Verlag lebt bis heute von der engen Beziehung zu seinen Autoren. „Wir verlegen keine Bücher, sondern Autoren“, war schon das Motto von Verlagsgründer Suhrkamp. Der studierte Germanist hatte bis 1944 den in Deutschland verbliebenen Teil des S. Fischer Verlags in Berlin geleitet, ehe er von der Gestapo verhaftet wurde und ins KZ Sachsenhausen kam.

Nach 1945 erhielt Suhrkamp die erste Verlagslizenz der britischen Militärregierung, überwarf sich aber später mit dem aus dem Exil zurückgekehrten Verleger Gottfried Bermann Fischer. Unterstützt von Hermann Hesse rief er einen Verlag ins Leben – 33 der 48 früheren S. Fischer-Autoren folgten ihm.

1951 stieß Lektor Siegfried Unseld dazu, der nach dem Tod des Gründungsvaters 1959 die Verlagsführung übernahm und die „Suhrkamp-Kultur“ weiter pflegte. Mehr als 10 000 Titel hat das Haus mit heute 142 Mitarbeitern in seinen verschiedenen Reihen inzwischen herausgebracht. Neben der „Bibliothek Suhrkamp“ mit den Klassikern der Moderne wurde besonders die in allen Regenbogenfarben leuchtende „edition suhrkamp“ zum Markenzeichen. Zur Verlagsgruppe gehören auch der Inselverlag, der Deutsche Klassiker Verlag, der Jüdische Verlag und der Verlag der Weltreligionen.

Fehde mit dem Sohn

Nach der Wende begann der Glanz des Hauses zu verblassen, dafür sorgten Machtkämpfe und Familienstreit. 2002 übernahm nach dem Tod des Firmenpartriarchen Unseld dessen fast 25 Jahre jüngere zweite Frau Unseld-Berkéwicz das Regiment. Eine juristische Dauerfehde mit dem Unseld-Sohn Joachim folgte.

Erst 2009 ließ sich Unseld junior aus dem Verlag herauskaufen – und machte damit auch den Weg für den Umzug nach Berlin frei. Seither hält die „schöne Witwe“ 61 Prozent an Suhrkamp, die Medienholding AG Winterthur 39 Prozent. Schriftsteller wie Martin Walser und Adolf Muschg kehrten Suhrkamp den Rücken.

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