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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Mainz wie es singt und klatscht

15.10.2014

Mainz /Oldenburg Bierzeltbänke im vorderen Parkett-Drittel, grölende Animateure im Foyer – und zwei junge Damen in karierten Kleidchen tanzen zur Einstimmung auch schon mal beinewerfend auf den Tischen.

Volksfest im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters bei der ersten Schauspielpremiere der Intendanz Markus Müller: Carl Zuckmayers 1927 entstandenes, kaum noch gespieltes Volksstück vom „Schinderhannes“ steht auf dem Programm. Und Müllers Regisseur Jan-Christoph Gockel („Baal“, „Hamlet“) hat es sich nicht nehmen lassen, die Eingangsszene, die der Autor in der Gastwirtschaft „Grüner Baum“ im Nahetal ansiedelt, gleich aufs ganze Theater auszuweiten. Doch das Publikum sollte sich nicht zu früh freuen: Der Abend wird noch anstrengend werden.

Anstrengend – und unübersichtlich. Kaum haben die Zuschauer Platz genommen, ist nämlich alles anders: Die Räuberkorona um den guten Johannes Bückler, genannt Schinderhannes (Sebastian Brandes), kommt zur Titelmelodie des Italo-Westerns „Spiel mir das Lied vom Tod“ mit Cowboyhüten durch ein Raubtiergitter ins Scheinwerferlicht geschlenzt, beginnt zu rüpeln, zu prahlen, hässliche Gummimasken überzustülpen und in rasanten Rollenwechseln Zuckmayers braven Bilderbogen vom guten Räuber und den munteren Hunsrück-Hinterwäldlern kräftig durchzuschütteln.

Nicht nur, dass wunderlich ausgepolsterte Darsteller mit Panzerfäusten und Handfeuerwaffen aller Alters- und Güteklassen unterwegs sind – in der zweiten Hälfte fährt gar ein Papp-Tank mit Weltkriegsanmutung zur Tür herein, befehligt von einem Stahlhelmträger mit brutal entstelltem (Gummimasken-)Gesicht.

Und die Geschichte vom Autor Carl Zuckmayer, der 1914 als Kriegsfreiwilliger vom Mainzer Schillerplatz aus an die Front des Ersten Weltkriegs marschierte, wird von einem gerade unbeschäftigten Darsteller per Botenbericht zum Besten gegeben.

Mutig, das alles – für einen Augenblick ist das Publikum sprachlos. Da das stachelige Vergnügen aber dreieinviertel Stunden dauert, hält sich die Begeisterung am Ende merklich in Grenzen.

Am Abend zuvor hatte es im benachbarten Großen Haus am Gutenbergplatz bei Müllers allererster Mainzer Premiere noch sehr viel euphorischer reagiert. Henry Purcells „Sommernachtstraum“-Paraphrase „Fairy Queen“ bietet die Gelegenheit zu einem großen Fest mit Musik – und Müller, sein Regisseur Jo Strømgen (in Oldenburg zuletzt mit der Choreografie „The Painter“ zu Gast) sowie Ensemble und Orchester nutzen sie ohne viel Federlesen.

Alle Sparten des Hauses sind auf der mit fein aufpoliertem Säulenbruch vollgestellten Bühne unterwegs: das Opernensemble im Toga-Look des humanistischen Gymnasiums, die Tanz-Compagnie als Feentruppe in Teufels-Schwarz – und eine kleine Abordnung aus dem Schauspiel in Shakespeare-Bunt. Viel Arie-Glück und kein Störfeuer, nirgends.

Da Markus Müller zudem in den wenigen Wochen seit seinem Amtsantritt am Rhein bereits mit einer neuen, ausschließlich aus Sponsorengeldern finanzierten Kellerbühne 17 Meter unter dem Theater punkten kann und diese durch K. D. Schmidt, (vormals der Hausregisseur in Oldenburg) auch noch sehr eindrucksvoll mit einem knalligen US-Import, dem Drogenstück „Water by the Spoonful“ zu eröffnen weiß, ist der „Schinderhannes“-Ausrutscher im Handumdrehen vergessen.

Müllers Einstand in Mainz – plötzlich erscheint er nicht nur vielversprechend. In der Summe ist er sogar schon ziemlich gut.

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