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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Man sollte kein Ohr verlieren

06.10.2007

OLDENBURG In einer Fußballkneipe verliert Dieter Rotmund sein linkes Ohr, was natürlich eine Ungeheuerlichkeit ist.

Doch Rotmund, Hauptfigur in Wilhelm Genazinos neuem Roman „Mittelmäßiges Heimweh“ (Hanser Verlag, München, 192 Seiten, 17,90 Euro), nimmt den Verlust nach kurzem Entsetzen so hin, wie er all die Beschädigungen seines Lebens hinnimmt – ohne Fähigkeit zur Leidenschaft.

Später wird ihm noch sein kleiner Zeh abhanden kommen, auch das kann ihn erschreckend wenig erschrecken. Das Surreale wird vom Mittelmaß des Daseins einfach geschluckt.

Genazino, deutscher Büchner- sowie Kleist-Preisträger, gilt inzwischen als spürsinniger Beobachter des Alltäglichen. Im gut besuchten Oldenburger Theater Laboratorium las der zurückhaltende Frankfurter Autor jetzt aus seinem Buch.

Sein poetisches Interesse gilt ausgerechnet der Welt der Angestellten, dem Banalen, oft Jämmerlichen. Rotmund ist Finanzsachbearbeiter. Bereits vor dem Verlust seiner Körperteile hat er in seinem Leben so manches eingebüßt, vor allem die großen Gefühle sind ihm abhanden gekommen.

Seine Ehe scheitert gerade, er macht einen großen Karrieresprung, all dies aber verläuft armselig undramatisch. Und wenn Dieter Rotmund beim Biss in eine halbe Erdbeere mit mattem Begehren an seine Weißbrot essende Kollegin Heidemarie Grünwald denkt, dann gönnt Genazino seinen traurigen Figuren zwar Farbe, schillern dürfen sie nicht.

Die Vornamen verderben den Nachnamen ihre Poesie, und eine halbe Erdbeere ist auch nicht gerade prall. Soviel Tristesse wäre schwer zu ertragen, wenn die Bilder nicht so überraschend, die Texte nicht so unverschämt komisch wären. Auch das Lachen des sichtlich begeisterten Oldenburger Publikums klang erleichtert.

Wilhelm Genazino überantwortet dem Leser seine Geschichten etwas spöttisch zur eigenen Deutung. Im anschließenden Publikumsgespräch über den Roman versuchten sich einige an psychologischen, gar theologischen Interpretationen.

Und der Autor? Lächelte höflich, gab jedem recht und ließ alles offen.

Das abgefallene Ohr in diesem so seltsam gleichzeitig schwermütigen wie lässig-leichten Roman aber löst vor allem eines aus – ein alltägliches, schmerzliches kleines Gefühl, das wir alle kennen. Das alltägliche, schmerzliche kleine Gefühl von Verlust.

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