Oldenburg - Die großen Gefühle in der Musik produzieren Instrumente, die schwelgen können. Sie binden die emotionalen Blumensträuße. Doch die Mandoline, bitteschön? Trotz einer Schnulze wie „Mandolinen und Mondschein“ oder Don Giovannis Schmacht-Ständchen für eine neue Feinsliebste billigt man ihr allenfalls zu, dass sie Trockenblumen drapieren könne. Doch das könnte sich im Rest dieses Jahres als Irrtum und Diffamierung herausstellen!

Die Mandoline ist nämlich zum „Instrument des Jahres 2023“ erkoren worden. Rein buchhalterisch geht das so vonstatten: Der Landesmusikrat von Schleswig-Holstein sucht, findet und schlägt ein Instrument vor. Fast alle anderen Bundesländer folgen dann den Vorschlägen. Das klappt so seit 2008.

„Ein tolle Wahl“, sagt Avi Avital, „vor 15 Jahren hätte ich so etwas als utopisch angesehen.“ Der 44 Jahre alte Israeli ist der große Star der Mandoline. Schon als Kind ist er ihr verfallen. „Sie ist erschwinglich, leicht zu lernen, liegt locker in der Hand, und der Klang springt einen sofort und direkt an“, erklärt er.

Das handliche Instrument baue nicht nur Brücken zwischen höfischer Musik und Volksmusik, sondern auch zwischen Epochen. Es hat sich zudem längst in Nischen eingenistet, von Country über Bluegrass oder Klezmer bis Jazz.

Das Instrument aus der Familie der Lauten kennt zwar bauliche Varianten. Gemeint ist aber fast immer die neapolitanische Mandoline. Der Korpus gleicht einer halbierten Birne. Die vier Saiten sind doppelt gespannt, was mit einem Plektrum ein tremolo-artiges Spiel ermöglicht. Doch es geht auch zärtlich. Wer Avital im vorigen Herbst im Großen Haus in Oldenburg gehört hat, weiß das. Die Stimmung in Quinten entspricht der einer Geige: G-D-A-E, Eselsbrücke „Geh du alter Esel“…

Als elitär galt das Instrument nie, auch, wenn es anfangs eher von adeligen Damen und höhergestellten Fräulein gezupft wurde. Sein leichter Transport sorgte für weitere Verbreitung. Spätestens mit Antonio Vivaldis elektrisieremden Konzert C-Dur zog es in die Kunstmusik ein. Ludwig van Beethoven lieferte Stücke für Mandoline und Cembalo. In Romantik und Moderne setzte es Klangtupfer sogar in üppig instrumentierten Orchesterwerken.

In der Arbeiter- und Jugendbewegung begann es vor 120 Jahren, Akkorde aufzuschichten. Die „Wandervögel“ verstauten die Mandoline in den Rucksäcken und zogen in die Natur. Es gründeten sich spezielle Zupf- und Mandolinenorchester. Da erlebte man ihn also wieder, den Brückenbau zwischen gesellschaftlichen Schichten. Noch heute treten die Naturfreunde Bremen regelmäßig mit einem eigenen Mandolinenorchester auf, gegründet 1913.

Einfach so vorüberziehen soll das Jahr des ungeahnt vielseitigen Instruments nicht. Mehrere Bundesländer planen eigene Sonderprogramme. Fest steht für den November in Kiel ein „interkultureller Tag der Mandoline.“ Da zieht der Landesmusikrat Bilanz. „Wir sind selbst neugierig auf die Wirkungen“, meint Präsident Willi Neu. Immerhin ist die Mandoline nach Gitarre 2013 und Harfe 2016 erst das dritte gewählte Zupfinstrument.

Was sonst noch wichtig ist

Wenn das kleine Instrument in Orchesterwerken große Auftritte hat, bilden sich bei Orchesterdirektoren Sorgenfalten: Woher Mandolinenspieler oder -spielerin nehmen? Es gibt ja keine Planstellen.

Gustav Mahler verlangt in seiner 7. und 8. Sinfonie sowie im „Lied von der Erde“ die Mandoline, die bei ihm für Sehnsüchte steht. So führt er oft Erhabenes und Banales wie über Brücken zueinander. Eins der bekanntesten Mandolinen-Konzerte stammt von Johann Nepomuk Hummel. Arnold Schönberg lässt es in seinen Variationen op. 31 ebenso „plingen“ wie Karl Amadeus Hartmann in seiner 6. Sinfonie. Dank Avi Avital erweitert sich derzeit das Repertoire beträchtlich. Ihm widmen immer wieder Komponisten neue Werke.

Ungewöhnlich ist ein klassisches Konzert des Böhmen Johann Kozeluch für Klavier, Mandoline, Trompete, Kontrabass und Orchester. Und gegen üppige Klangwucht muss sich die Mandoline in der Oper „Le Grand Macabre“ von György Ligeti behaupten.