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Memoiren Mark Twain spricht aus dem Grab

Nada Weigelt

Berlin - Mark Twain spricht aus dem Grab. Der legendäre US-Autor, Schöpfer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn, hatte zu Lebzeiten verfügt, dass seine Memoiren erst 100 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht werden dürfen. In Deutschland ist „Meine geheime Autobiographie“ in einer liebevoll gemachten zweibändigen Ausgabe erschienen – eine Chance, den wunderbaren Schriftsteller und scharfzüngigen Kritiker der US-Gesellschaft noch einmal neu kennenzulernen.

Trockener Humor

In Amerika war der 800-Seiten-Schmöker schon im 100. Todesjahr 2010 auf den Mark gekommen, ein Sensationserfolg. Mehr als 500 000 Exemplare wurden bisher verkauft. „Aus gutem Grund spreche ich aus dem Grab statt mit lebendiger Zunge“, schreibt Mark Twain in einem Vorwort. „Mir schien, ich könnte so frank und frei und schamlos wie in einem Liebesbrief sein.“

Ohne Vorbehalte und falsche Rücksichten gibt der als Samuel Langhorne Clemens (1835–1910) geborene Schriftsteller Einblick in sein Leben. Es ist eine Mischung aus ätzender Zeitkritik und liebenswerten Kindheitserinnerungen, messerscharfen Porträts und bewegenden Familiengeschichten, immer mit trockenem Humor und viel Ironie erzählt. „Dieser Twain ist verblüffend modern“, befand die „New York Times“.

Unverblümt kritisiert der gebürtige Südstaatler die Raffgier der Kapitalisten („Die Welt hält den alten Rockefeller für milliardenschwer. Steuern zahlt er nur für zweieinhalb Millionen“). Er prangert die Sklaverei an und verurteilt den amerikanischen Militarismus (Soldaten sind „uniformierte Meuchelmörder“).

Für deutsche Leser besonders vergnüglich sind die Eindrücke, die der Autor von seinen zahlreichen Europareisen mitbringt. So nimmt er die Vorliebe der Deutschen für zusammengesetzte Wörter mit einer Anekdote über Beutelratten und Hottentotten aufs Korn, die in dem Wortungetüm „Hottentottenstottertrottelmutterattentäterlattengitter-wetterkotterbeutelratte“ endet.

Bewegend sind vor allem Twains Geschichten über seine Familie: Drei der vier Kinder und seine gesundheitlich schon immer angeschlagene Frau starben früher als er. Immer wieder scheint hier aber auch durch, dass der Erfolgsschriftsteller durchaus einen Hang zur Selbstliebe hatte.

So flicht er in die eigenen Memoiren ausführlich die verklärende Biografie ein, die seine Lieblingstochter Susy über ihn verfasste. Ein andermal beklagt er sich, dass die Kritiker ihn jahrzehntelang als „ausgesprochen und besorgniserregend unschön“ beschreiben. Sein legendärer Satz „Ich mag Kritik, aber sie muss zu meinen Gunsten ausfallen“ war also vielleicht nicht nur lustig gemeint.

Reines Lesevergnügen

Besonderen Charme bekommt das Buch durch den Ton, in dem es verfasst ist. Der Vielschreiber hatte sich 35 Jahre lang vergeblich bemüht, sein eigenes Leben schriftlich festzuhalten. 30, 40 Entwürfe wanderten in den Papierkorb. 1906, vier Jahre vor seinem Tod, begann er stattdessen, die Erinnerungen im Plauderton einer Stenografin zu diktieren. Daraus wurden mehr als eine halbe Million Wörter auf 5000 Schreibmaschinenseiten.

In den USA erschienen anhand dieses Materials schon 1924, 1940 und 1959 Autobiografien, die aber nicht Twains Vorgaben entsprachen. In einer auf drei Bände angelegten Werkausgabe sichtet die University of California in Berkeley den Nachlass nun kritisch und arbeitet ihn auf.

Im ersten Band der US-Ausgabe sind Text und wissenschaftliche Materialen miteinander verwoben. Für die deutsche Version hat der Aufbau Verlag beides getrennt. „Wir wollten das reine Lesevergnügen“, sagte Geschäftsführer René Striehn bei der Buchvorstellung. „Die Leser sollen sich nicht kurz vor dem Schlaraffenland noch durch ganz viel Griesbrei fressen müssen.“

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