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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Hier hat selbst Gauck nichts zu melden

01.04.2014

Oldenburg Markus Müller ist wütend. Das ist wichtig zu betonen, weil Müller selten wütend ist. Als Generalintendant des Staatstheaters hat der 40-Jährige im achten Oldenburger Jahr viel erlebt, aber dies noch nicht.

Es sollte ein theatralischer Höhepunkt der Saison werden: etwas mit Herzblut Geschaffenes, etwas Authentisches aus der Region. Daraus wird nichts – jedenfalls nicht so, wie man sich das dachte. Die Uraufführung des dokumentarischen Dramas „Blankenburg“, geplant für den 19. Juni im Kloster Blankenburg bei Oldenburg, darf nicht im Kloster Blankenburg stattfinden.

Intendant Markus Müller BILD: Torsten von Reeken

Informationen zur Geschichte des Klosters

Das ehemalige Dominikanerkloster Blankenburg gehört zu den historisch verstörendsten Orten im Oldenburger Raum. Es diente seit dem 13. Jahrhundert vor allem als Ort der Ausgrenzung und Isolation. Sechs Kilometer außerhalb des Stadtzentrums von Oldenburg gelegen, wurden dort Menschen untergebracht, die körperlich oder mental nicht in vorgegebene Normen passten. So entstand im Laufe der Jahrhunderte eine räumliche Architektur, die mehrere hundert Menschen beherbergen konnte.

Bereits im Mittelalter wurde das Kloster als Lager für Pestkranke genutzt, im 17. und 18. Jahrhundert für Geisteskranke, später gab es die Bezeichnung „Siechen- und Irrenhaus“. Im 20. Jahrhundert wurde das Gelände als psychiatrische Anstalt weitergeführt. Von 1935 bis 1937 war es ein SA-Arbeitslager mit Euthanasie-Aktionen, gegen Ende des Weltkrieges ein Lazarett und nach 1949 Altenheim und psychiatrische Einrichtung. Nach den 1980er Jahren diente das Gelände zur Aufnahme für DDR-Bürger, Übersiedler und bis 2008 für Asylbewerber. Im Moment stehen die Gebäude leer.

Schuld habe, so der Theaterleiter am Montag, der Eigentümer der Immobilie. Genauer: die TAG Gewerbe-Immobilien GmbH in Hamburg mit ihrem Vorstandschef Rolf Elgeti.

Gruselig schöner Ort

Das Unternehmen habe zunächst zugestimmt. „Deshalb haben wir das Stück ja eingeplant“, so Müller. Man wollte die zumeist düstere Geschichte des Ortes (siehe nebenstehenden Kasten) aufarbeiten. Warum dort? „Weil“, erläutert Müller, „wir Geschichte dort erzählen wollen, wo sie stattfand.“

Das wollte man seit 2011. Also habe man einen Aufruf gestartet, nach Zeitzeugen gesucht, ehemalige Patienten und Pfleger befragt, am Stück gebastelt. Was würden sie mit dem Ort machen?, wurde ein ehemaliger Psychiatriepatient gefragt. Vernichten, hat der geantwortet. Andere fanden den grausigen Ort idyllisch.

Der ambivalente Ort, sagt Regisseurin Julia Rösler, sei irgendwie gruselig, irgendwie hübsch. Heiter würde das Ganze auf keinen Fall. Aber in Blankenburg könne man Mauern zum Sprechen bringen. Noch vor einem Jahr durften Mitarbeiter der Bühne in leerstehenden Gebäuden eine Sichtung vornehmen.

Dann kam – im Juni 2013 – die Absage aus Hamburg. Die Gründe? Müller spekuliert. Offiziell wurden von der TAG unter anderem Sicherheitsprobleme angeführt. „Vorgeschoben“, mutmaßt Müller. Vielleicht habe der Eigentümer nur Angst, dass Blankenburg noch schwerer verkäuflich sei als ohnehin.

Jedenfalls setzte Müller – als klar war, dass nichts mehr klar war – alles in Bewegung. Er fing Bundespräsident Gauck auf der Gala des Theaterpreises „Faust“ ab. Sprach 20 Minuten mit ihm, hatte den Eindruck, Verständnis zu erhalten. Und bekam brieflich eine zarte Absage: ein Bundespräsident, so hieß es, dürfe sich leider nicht in ungeklärte rechtliche Sachen mischen.

Hamburgs Kultursenatorin Barbara Kisseler schrieb einen lieben Brief an Herrn Elgeti von der TAG. Auch das half nicht. Müller fuhr nach Hamburg – und wurde nicht empfangen. Dann versuchte man, zumindest auf das Außengelände zu gelangen. Doch die zuständige Bundesanstalt musste ablehnen: Man sei nur Mieter des Geländes, Eigentümer sei die TAG. Jetzt erst, also am Montag, teilt Müller mit, was bisher geschah. Zu spät?

Jetzt auf Probebühne

„Wir haben gehofft“, sagt er. Man habe oft gezeigt, wie toll man außerhalb des Theaters gut Theater spielen könne, etwa auf Oldenburgs Fliegerhorst, immerhin fünf Monate lang. Warum sollte das nicht in Blankenburg funktionieren?

Die TAG-GmbH beharrte am Montag – auf Nachfrage dieser Zeitung – auf ihrer Absage. Man habe die auch früh dem Theater mitgeteilt. Man sieht nach wie vor die Probleme der Sicherheit („Brandschutz, Fluchtwege“ etc.). Man sei als Eigentümer haftbar. Man habe keine Angst vor einem Imageverlust, die Historie des Gebäudes sei ja ohnehin öffentlich zugänglich.

Das Areal soll, wie diese Zeitung erfuhr, inzwischen an einen Oldenburger Immobilienunternehmer verkauft worden sein. Das Stück wird man dennoch aufführen, sagt Müller trotzig: am 19. Juni auf der Probebühne 4. „Da muss ein gedanklicher Brückenschlag zwischen Blankenburg und der Bühne her.“ Und das macht ihn fast wieder wütend.

Artikel zum Thema: Kloster öffnet sich sozialen Initiativen

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Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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