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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Maya Lasker-Wallfisch: Unverarbeitetes überträgt sich auf Kinder

09.05.2020

London /Breslau Was kann ein Mensch ertragen? Die jüdische Musikerin Anita Lasker-Wallfisch hat genug erlebt. Diskriminierung, Haft, Vernichtungslager Auschwitz, Verlust fast aller Angehörigen. Das reicht sogar für mehrere Generationen. Jedenfalls hätte sie vieles zu berichten, mehr auf jeden Fall als Zuhörer ertragen können, die von ihren schrecklichen Erlebnissen in Konzentrationslagern und ihrem Überleben als Mitglied des Häftlingsorchesters in Auschwitz hören.

Unausgesprochen

Das Verblüffende für die Holocaust-Überlebende war, dass niemand sich für ihre Erlebnisse interessierte, als sie nach einer Odyssee über Breslau, die Lager Auschwitz und Bergen-Belsen sowie Brüssel 1946 nach London kam. So behielt Anita Lasker, die bald in London den Musiker Peter Wallfisch heiratete, ihre Geschichte für sich. Das Unausgesprochene spürte irgendwann auch ihre Tochter Maya, die instinktiv rebellierte: „Mein ganzes Leben habe ich mich anders gefühlt“, schreibt die Tochter der Holocaust-Überlebenden, die ein bemerkenswertes Buch über ihre Identitätsbildung geschrieben hat, das demnächst im Insel-Verlag erscheint (und jetzt schon als E-Book erhältlich ist). „Briefe nach Breslau“ heißt das Buch, das neben ihrer eigenen Geschichte, die ihrer Mutter und deren Eltern erzählt. Die „Briefe nach Breslau“ sind Briefe, die Enkeltochter Maya an ihre im Holocaust ermordeten Großeltern schreibt, in denen sie ihre verkorkste Jugendzeit, den Weg der Mutter Anita sowie deren beiden Schwestern Marianne und Renate nachzeichnet. Eine Selbstvergewisserung gegen das Vergessen, aber auch der späte Versuch, eine Identität herauszubilden, nicht mehr nur die Tochter der Frau aus dem Häftlingsorchester zu sein.

Denn Mayas Kindheit und die Erlebnisse der Heranwachsenden spiegeln nicht nur eine Jugendzeit in London wider, es sind verstörend wilde Jahre mit Schulverweigerung, Abgleiten in die Kriminalität und Drogenerfahrungen. Maya kann sich nur als Underdog, als Anti-Heldin definieren. Eine frühe Ehe mit einem Jamaikaner scheint Ordnung in das Chaos zu bringen, doch kurz nach der Hochzeit stellt sich heraus, dass der Ehemann von der Polizei gesucht wird, überdies Vater eines Kindes (mit einer anderen Frau) ist. Es folgen Monate in Miami und auf Jamaika, schließlich der Zusammenbruch und die Rückkehr nach London. Entzug, eine Tätigkeit in der Drogenberatung. Die deutschen Großeltern in Breslau hatten sich entschieden, ihren Glauben nicht zu praktizieren, nicht religiös zu sein als Weg, Akzeptanz zu finden. Sie starben im Vernichtungslager. Enkeltochter Maya lernte in London einen Juden kennen, der aus religiösem Elternhaus stammte, lernte ihren Glauben neu und das Judentum als ihre Heimat kennen. In den 90ern wollte ein britisches Filmteam die Geschichte ihrer Mutter dokumentieren, dafür fuhren Mutter Anita und Tochter Maya nach Breslau.

Belastende Situation

Eine belastende Situation für die Tochter, die sich nach dem Abschluss fühlte, als hätte sie etwas überlebt. „Aber die Reise fing erst an“, schreibt Maya. Die Traumata der Überlebenden hatten sich auf die Kinder übertragen, und im Gegensatz zu ihrer Mutter mit ihrer stoischen Selbstdisziplin kam die junge (und später auch die erwachsene) Maya damit nicht zurecht. „Wenigstens hast du Eltern und niemand versucht, dich umzubringen“, entgegnet ihr die Mutter. Ein transgenerationales Trauma, so beschreibt es die Autorin, wenn Unverarbeitetes an die nächste Generation weitergeleitet werden.

Maya Lasker-Wallfisch arbeitet als Psychoanalytikerin in London. Ihre klugen und nicht belehrenden „Briefe nach Breslau“ verdienen viele Leser, die neue Eindrücke und manche Erklärungen über den Holocaust und seine Opfer gewinnen mögen und darüber hinaus eine einzigartige Familiengeschichte erzählt bekommen.

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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