Nordenham - Früher, ja früher war alles besser. Jochen Busse war noch bei „7 Tage, 7 Köpfe“, die 150 Stufen zur eigenen Wohnung waren noch keine aktive Sterbehilfe, und man traf Bekannte noch zu anderen Gelegenheiten als Beerdigungen. Jochen Busse ist alt geworden und hat sich das Recht verdient zu meckern. Zu meckern über das Alter, die Politik, die Gesellschaft. Und von diesem Recht machte er am Sonnabend bei seinem Auftritt in der gut besuchten Jahnhalle reichlich Gebrauch.
Es ist ein Kreuz mit dem Älterwerden, das weiß Jochen Busse spätestens, seitdem er mit Frau und Freunden eine „House Cooling“-Party geschmissen hat, weil seine Frau ihnen eine schöne neue Wohnung auf dem Land gesucht hat. Während Frauen im Alter immer aktiver zu werden scheinen und gerne was unternehmen – mal ins Theater, mal ins Kabarett, mal nach Amerika – werden Männer ruhiger und liegen lieber auf der Couch. „Ich warte, bis mich die Kontinentalverschiebung dahin bringt“, scheint das Motto zu sein.
Was ist wichtig im Leben?
In seinem Solo-Programm „Wie komm ich jetzt da drauf?“ analysiert Busse, was im Leben wichtig war, ist und noch sein könnte und wie sich Leben, Politik und Gesellschaft verändert haben. Eingebettet in die Erzählung um die Umzugsparty, kommt Jochen Busse auf die verschiedensten Themen zu sprechen und mimt dabei den älteren Herren, der nicht immer kohärent erzählt und sich ständig fragt, wie er jetzt eigentlich auf das Thema gekommen ist.
Die Party und vor allem die verschiedenen Gäste sind so geschickt ins Programm geschrieben, dass sich Jochen Busse nie lange bei einem Thema aufhält und eine Pointe nach der anderen abfeuern kann. Die fiktiven Gäste sind ebenfalls alt und haben und haben ihre Macken. Zum Beispiel Joseph Pütz, der sein Geld als „Shit Designer“ verdient, weil man mit „Klempner“ niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlockt, oder der konservative Banker Wolfgang, der auch sonst nie etwas Seriöses gemacht hat.
Busse mischt boulevardeske Elemente mit höchst politischen, satirischen Elementen. Wenn der konservative Wolfgang feststellt, dass „wir doch mittlerweile alle Sozialdemokraten sind: gegen Atomkraft, für Mindestlohn“, dann sind ihm die Lacher ebenso gesichert wie bei der Beschreibung vom „Brötchenkauf in Trekkingausrüstung“.
Die schauspielerische Erfahrung ist Jochen Busse in seinem Solo-Programm anzumerken: Die Texte werden begleitet von gekonnt eingesetzten Betonungen, pointierter Mimik und Gestik. Mal ruhig, mal schnell ist das Programm. Dabei sucht der Kabarettist immer wieder den verbalen Kontakt zum Publikum, adressiert immer wieder direkt einzelne Gäste und nimmt auch Zwischenrufe auf.
Dank an die Jungen
Jochen Busse kennt sein Zielpublikum – Menschen etwas reiferen Alters – und hat auch eine Erklärung parat, warum kaum Vertreter jüngerer Generationen in der Jahnhalle anzutreffen waren: „Die müssen alle bis spät in die Nacht arbeiten, auch am Samstag, um unsere Rente zu sichern. Da können wir ruhig mal Danke sagen!“
Früher, ja früher war alles besser. Außer Jochen Busse, der ist im fortgeschrittenen Alter noch besser geworden.
