Berlin - Gut ein Jahr nach der Enthüllung der Gurlitt-Affäre hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) die Museen zu mehr Anstrengungen bei der Suche nach NS-Raubkunst in ihren Sammlungen aufgefordert. „Der öffentliche Druck ist so stark, dass sich keiner mehr herausreden kann“, sagte Grütters in Berlin. Museen könnten sich fortan auch nicht auf Geldmangel berufen. „Diese Form der Ausrede gilt nicht mehr.“ Der Bund habe die Mittel für die Provenienzrecherche im laufenden Jahr verdoppelt und ab 2015 verdreifacht, sagte Grütters.

Es sei „unerträglich“, dass laut Umfragen des Instituts für Museumsforschung in rund 2300 Sammlungen in deutschen Museen ein Raubkunstverdacht nicht auszuschließen sei, „und nur ein Bruchteil dieser Häuser in der Lage sind - ich will nicht sagen, dass sie nicht willens sind - zu einer systematischen Aufarbeitung“, sagte Grütters.

Künftig würden die Museen nicht nur an ihrer Einkaufs- und Ausstellungspolitik gemessen werden, sondern auch daran, wie sie mit ihrer Geschichte und der ihrer Sammlungen umgingen. Die vom Bund geförderten Museen müssten in Zukunft auch über ihre Anstrengungen bei der Provenienzrecherche (Herkunftsforschung) berichten.

Am 1. Januar nimmt in Magdeburg das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste seine Arbeit auf. Damit könne die Suche nach Raubkunst beschleunigt werden, sagte Grütters. Wichtig sei in dem Zentrum auch eine aktive Informationspolitik. „Das war bisher nicht immer der Fall.“ Die mit der Raubkunst befassten Wissenschaftler seien mit den Aufgaben der Öffentlichkeitsarbeit nicht immer „vertraut und sicher“.

Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, erklärte am Dienstag, das Magdeburger Zentrum werde die Provenienzforschung entscheidend vorantreiben. Die deutschen Museen wüsste nicht erst seit dem Fall Gurlitt, dass die Qualität einer Sammlung auch immer von der Qualität der Provenienz abhänge. „Es lässt sich durchaus ein Bewusstseinswandel erkennen, deutschlandweit nehmen sich die Museen ihrer Sammlungsgeschichte an. Vieles ist bereits geschehen, aber viel Arbeit liegt auch noch vor uns.“

Parzinger unterstrich, das Magdeburger Zentrum gehe auch aus der Arbeitsstelle für Provenienzforschung hervor, die seit 2008 bei der Preußen-Stiftung angesiedelt war. Zentral bleibt für den Stiftungspräsidenten neben der Erforschung der Bestände: „Wenn man erkennt, dass ein Werk als NS-verfolgungsbedingter Verlust einzuordnen ist, muss eine faire und gerechte Lösung mit den Berechtigten gesucht werden.“

Das neue Magdeburger Zentrum sei auch eine Lehre aus dem Fall Gurlitt, sagte Grütters. Im November 2013 war bekanntgeworden, dass bei dem inzwischen verstorbenen Kunsthändlersohn Cornelius Gurlitt in München Hunderte Bilder gefunden worden waren, deren Herkunft unklar war. In Einzelfällen hat sich der Verdacht auf NS-Raubkunst mittlerweile bestätigt.

Gurlitts Vater, Hildebrand Gurlitt, gehörte zu den zentralen Figuren des NS-Kunsthandels. Sein Sohn hat die Sammlung dem Kunstmuseum Bern vermacht, das die NS-Raubkunst aus dem Nachlass an die rechtmäßigen Besitzer zurückgeben will.