Ganderkesee - Im Vorzimmer von Bürgermeisterin Alice Gerken-Klaas kam am Donnerstagmittag Hektik auf. Ganz auf die Schnelle wollte Sascha Kannemann vom Personalservice noch einen Schlips tauschen, hielt ein schwarzes Exemplar mit Blumenmuster in die Höhe: „Hast Du noch Hässlichere da?“ Was Kannemann wusste: Hier, in unscheinbaren Plastiktüten, hütet Sekretärin Iris Hentemann eine wohl einzigartige Sammlung: ausrangierte Schlipse. Die werden in der Faschingshochburg Ganderkesee an einem einzigartigen Tag gebraucht: Weiberfastnacht.
Kannemann war spät dran mit seinem Tausch. Draußen, auf dem Flur, warteten bei Sekt und Selters schon mehrere Opfer – pardon: schlipstragende Rathaus-Mitarbeiter – darauf, dass ihnen resolute Faschings-Frauen an den Kragen gingen.
Um Punkt 13.45 Uhr war’s so weit: Begleitet von Prinz Olaf I., stiegen Prinzessin Anke II. sowie die Ehrendamen Malin, Sarah, Annika und Merle die Rathaus-Treppe herauf – und zückten fröhlich lächelnd die Scheren. Der Erste Gemeinderat Rainer Lange versuchte noch, seinen grünen Binder zu retten: „Wenn der Erste Gemeinderat verschont bleibt, haben wir beim Faschingsumzug gutes Wetter. Überlegt es Euch.“ Zu spät.
Schnitt für Schnitt durchkämmten die Damen nun das Rathaus – und stießen im Sitzungssaal auf eine Überraschung: Ein Arbeitskreis des Kommunalverbundes tagte dort. Dessen Geschäftsführerin Susanne Krebser staunte nicht schlecht über die edel gekleideten Besucher: „Das ist das erste Mal, dass wir hoheitlichen Besuch haben.“
Nur: Die Krawattenausbeute war gering. Da wurden die schnippelnden Damen andernorts mehr fündig – zum Beispiel im Erdgeschoss, wo die Maler Heiko Scheller und Claus Bolte einen Raum renovierten und sich eigens für die Krawattenjägerinnen einen Halsschmuck anlegten.
Nach gut 20 Minuten war das Rathaus schlipsfreie Zone – jetzt widmeten sich die fröhlichen Jägerinnen der Gläsernen Redaktion der NWZ und zwei Geldinstituten, bevor in Delmenhorst weiter geschnippelt wurde. Ihr Tagesziel: „ein Baumwollbeutel prall gefüllt mit Schlipsen“. Und die könne man ja recyceln, erklärte Ehrendame Merle: „Meine Mama hat vorgeschlagen, ich könne mir daraus einen Rock nähen.“
