Spiekeroog - Das Fahrrad steht schon bereit, als Gerd Rosendahl am Dienstag um 8.30 Uhr auf die Insel kommt. Der 34-Jährige aus Großheide im Landkreis Aurich ist allerdings nicht im Morgengrauen mit der Fähre von Neuharlingersiel nach Spiekeroog gefahren, um dort einen sonnigen Wintertag zu verbringen. Rosendahl ist auf die Insel gekommen, um nach den Sturmfluten vor gut einer Woche die Schäden aufzunehmen.
Also schwingt er sich auf das bereitstehende Damenrad des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) und tritt in die Pedale. Am Betriebshof ein kurzer Schnack auf Plattdeutsch mit den Kollegen, die Halbschuhe tauscht er gegen hohe Gummistiefel – und weiter geht’s Richtung Süderdüne. Hier hat es auf Spiekeroog die größten Dünenabbrüche gegeben.
Sechsköpfiges Team
Wie groß der Schaden ist, den die Sturmtiefs „Elon“ und „Felix“ mit ihren sechs Sturmfluten in drei Tagen angerichtet haben, ermittelt derzeit das sechsköpfige Vermessungsteam der NLWKN-Forschungsstelle Küste mit Sitz in Norden. Aufgabenbereichsleiter Holger Dirks koordiniert die Einsätze seiner Mitarbeiter. „Eine erste und ganz schnelle Einschätzung haben wir nach den Sturmfluten von unseren Kollegen der Bauhöfe auf den Inseln erhalten“, erläutert Dirks. Anhand von Pfählen, die im Sand stecken, sei bereits zu erkennen gewesen, welche Inseln von den Sturmtiefs besonders stark getroffen wurden. Neben Wangerooge und Langeoog (NWZ berichtete) war dies eben auch Spiekeroog.
Vermessungstechniker Rosendahl – sein Handwerk hat er beim Katasteramt in Norden gelernt, seit bald 14 Jahren ist er für den NLWKN tätig – steht am Abgrund. Hinter dem Campingplatz an der Süderdüne führte eine Düne langsam abfallend sachte ins Wasser – bevor die Stürme kamen. Erst im Oktober vergangenen Jahres war Rosendahl hier, um die aufgeschüttete Düne exakt zu vermessen, damit der NLWKN mit dem damals beauftragten Unternehmen abrechnen konnte.
Und nun? Nun führt die Düne hinterm Campingplatz noch einige Meter Richtung Meer, aber dann geht’s steil bergab – wer weiter Richtung Wasser möchte, muss sich in die Tiefe stürzen. Die durch die Fluten verursachte Abbruchkante ist auf knapp 400 Metern etwa drei bis vier Meter hoch.
Um genau zu wissen, wieviel Sand das Meer von der Düne „weggeknabbert“ hat, misst Rosendahl mit einem satellitengesteuerten Vermessungsgerät nach. Auf der gesamten Länge setzt er zahlreiche Messpunkte, wieder und immer wieder. Die gesammelten Daten nimmt er mit nach Norden und wertet sie in seinem Büro aus. „Ich erstelle ein digitales Geländemodell und vergleiche es mit dem Oktober-Modell als die Düne gerade hergerichtet war. Danach können wir ziemlich genau sagen, wie groß der Schaden ist“, erklärt Rosendahl, der mit Mütze, Handschuhen, warmer Kleidung und dicken Socken in den Gummistiefeln der Kälte trotzt.
Sturmflutphase dauert an
Holger Dirks sitzt derweil im Büro und koordiniert die nächsten Einsätze seines Vermessungsteams. Es ermittelt die Ergebnisse, von denen schließlich abhängt, wo etwas passieren muss. Auch wenn die Abbruchkante auf Spiekeroog eindrucksvoll ist, so muss der NLWKN doch erst das Ende der Sturmflutphase abwarten und die Ergebnisse der im April geplanten Laserscanbefliegung auswerten, bevor dann endgültig klar wird, was auf Spiekeroog wieder in Ordnung zu bringen ist.
Das sieht auch auch Gerd Rosendahl so, als er während der Rückfahrt auf der Fähre erste Datensätze von seinem Vermessungsgerät abliest. Auch auf Langeoog, wo der Vermessungstechniker am Montag im Einsatz war, wird der NLWKN im Frühjahr über einen Handlungsbedarf entscheiden. Auf einem rund 500 Meter langen Abschnitt vor dem Pirolatal waren Dünenabbrüche zwischen sieben und 13 Metern festgestellt worden.
Zurück auf dem Festland, steigt Rosendahl in seinen NLWKN-Transporter und macht sich auf den Weg ins Büro. Die nächste Inseltour kommt bestimmt. Aufgrund der häufigen beruflichen Besuche dort reize ihn ein Urlaub auf einer der Inseln allerdings nicht so sehr – was seine Frau anders sehe. „Irgendwann steht dann wohl doch mal ein Inselurlaub an“, schmunzelt Rosendahl.
