Ein Brief von Joachim Rohrlack (65) endet immer mit seiner Unterschrift und dem Satz: „Bleiben Sie fröhlich!“ Dabei war die Kinder- und Jugendzeit des neuen Pastors der Evangelisch-Methodistischen Gemeinde in Bookholzberg alles andere als fröhlich.
Seine Mutter hatte eine Beziehung mit einem US-Soldaten. Noch während der Schwangerschaft kehrte er in die USA zurück und meldete sich nie wieder. In der Würzburger Uniklinik brachte Katharina Rohrlack ihr Kind zur Welt: einen Jungen mit dunkler Hautfarbe und schwarzen Augen. Joachims Mutter verließ fluchtartig das Krankenhaus und ließ ihr Neugeborenes zurück. Ein Jahr blieb er im Krankenhaus, weil die Behörden nicht wussten, wohin mit dem Säugling. Seine Mutter war lange Zeit nicht auffindbar und so wurde er in ein Kinderheim gegeben.
Mit fünf Jahren schien es einen Augenblick so, als ob der kleine Joachim endlich Glück haben sollte. Das Bremer Ehepaar Sonny und Wilhelm Bierbaum wollte den Jungen adoptieren, aber seine Mutter verweigerte ihre Zustimmung. 13 lange Jahre muss Joachim im Kinderheim bleiben – geduldet, aber nicht geliebt. Auch in der Schule wurde er oft wegen seiner Hautfarbe ausgegrenzt.
Sein Berufswunsch stand schon mit sechs Jahren fest: Er wollte Schiffskoch werden. „Ich wollte endlich frei sein und die Welt entdecken“, erzählt Joachim Rohrlack. Nach dem Schulabschluss mit 14 Jahren lernte er im ältesten Wein-und Speisehaus Unterfrankens, „Zum Stachel“, den Beruf des Kochs. Um zum kargen Lehrgeld etwas dazu zu verdienen, putzte er noch in der Früh das Lokal und machte bis 1 Uhr in der Nacht Dienst an der Theke. „Ich hatte nur am Montag frei, da habe ich viel Schlaf nachgeholt und für die Berufsschule gelernt“, erinnert er sich.
Durch seine guten schulischen Leistungen konnte er seine Lehrzeit um ein halbes Jahr verkürzen. Nachdem er noch als Geselle in einer Hotelküche am Chiemsee gearbeitet hatte, bewarb er sich als Koch auf dem Kreuzfahrtschiff „Hanseatic“ bei der Deutschen Atlantik Linie. Am 1. Oktober 1969 sollte es losgehen, doch zwei Tage vor Dienstantritt wurde die Kreuzfahrt mangels Buchungen abgesagt. „Für mich brach in diesem Moment eine Welt zusammen!“
Die Enttäuschung war so groß, dass Joachim Rohrlack seinem Leben im Chiemsee ein Ende setzen wollte. „Das Wasser stand mir schon bis zum Hals, zum letzten Schritt fehlte mir der Mut.“ In seiner Not fiel ihm Familie Bierbaum wieder ein, die inzwischen in Lüneburg wohnte. Sie nahm Joachim bei sich auf und zum ersten Mal erfuhr er, was Liebe, Geborgenheit und Familie bedeutet. Durch diese Familie erfuhr er auch viel über den christlichen Glauben. „Je mehr ich mich mit dem Glauben und Jesus beschäftigte, desto mehr zog ein tiefer Frieden in mir ein“, erklärt Joachim Rohrlack.
Zunächst arbeitete er noch im Hotel Columbus in Bremen. Mittlere Reife, Abitur und Studium an der kirchlichen Hochschule waren weitere Stationen seiner Ausbildung. Auf diesem Weg lernte er auch seine Ehefrau Elfi kennen. Der gemeinsame Sohn Dominik-Christian ist mittlerweile selbst Pfarrer im Kirchenkreis Peine.
Die erste berufliche Station von Joachim Rohrlack war 1984 die Evangelisch-Methodistische Kirchengemeinde in Clausthal-Zellerfeld. 16 Jahre später wurde er nach Hamburg-Harburg versetzt. Um als Pastor wahrgenommen zu werden, besorgte er sich eine Jacke mit der Aufschrift „Pastor“, in Anlehnung an die Polizeiuniformen. Diese Jacke diente ihm als Schutz- und Bekenntniskleidung, dadurch wurde er oft angesprochen und um Beistand gebeten.
Große gesundheitliche Probleme zwangen Joachim Rohrlack 2012 in den vorzeitigen Ruhestand. Nach seiner vollständigen Genesung sollte er für ein Jahr eine Pastorenstelle im Thüringer Wald übernehmen, es wurden mehr als dreieinhalb Jahre. Als dann Pastorin Maren Herrendörfer von der Methodistischen Kirche in Bookholzberg ankündigte, eine Auszeit zu nehmen, war Joachim Rohrlack wieder der Mann für alle Fälle.
Seit gut vier Monaten ist der Pastor, der für besondere Verdienste schon vom damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker ausgezeichnet wurde, jetzt in der Friedenskirche. Sein herzliches Lachen sagt mir, dass es ihm in Bookholzberg sehr gut gefällt.
Zum Abschluss kommen wir noch einmal auf seine Mutter zu sprechen. Während seiner Ausbildungszeit hatte er durch Zufall ihre Adresse herausbekommen. Der ersten Kontakt war distanziert, er bekam aber ein Foto von seinem Vater. Was blieb, waren lockere Verbindungen. Als seine Mutter 1997 in der Ulmer Uniklinik lag, konnte er sie beim Sterben begleiten. Auf Wunsch seines Halbruders leitete er auch die Trauerfeier seiner Mutter – nach allem, was er in seinen ersten Lebensjahren ertragen musste, eine große Geste des Herzens. Joachim Rohrlack beschreibt es so: „So wirkt sich die Versöhnung Jesu Christi im Leben eines Menschen aus!“
Joachim Rohrlack, Pastor der Evangelisch-Methodistischen Gemeinde in Bookholzberg
