Oldenburg - Der Ratschlag der Kartenabreißerin, vorher unbedingt das Programmheft zu lesen, ist nur bedingt hilfreich: Das Tanzstück „ . . . was sie bewegt“ von Sungyop Hong ist auch nach der Lektüre keines, das sich mühelos erschließt. Nicht weiter schlimm, denn erstens handelt es sich beim Tanz ohnehin um eine „flüchtige Kunst“, wie es in eben jenem Programmheft heißt, und zweitens zeigt die Oldenburger Compagnie ein derart hohes tänzerisches Niveau, wie man es so noch nicht gesehen hat.
Für den Choreografen aus Südkorea war es nicht nur die erste Arbeit für das Oldenburgische Staatstheater, es war auch das erste Mal, dass er mit einem ausländischen Ensemble zusammengearbeitet hat. Der Asiate hat sich das Fremde zu eigen gemacht, indem er sich der deutschen Tanzgeschichte näherte: vor allem Kurt Jooss (1901–1979), dem Vater des deutschen Tanztheaters, und Pina Bausch (1940–2009), eine von Jooss’ Schülerinnen an der von ihm nach 1945 ausgebauten Tanzabteilung der Folkwangschule in Essen.
Jooss war nicht nur ein innovativer Choreograf, sondern auch ein sehr integrer: Aus Protest gegen das Arbeitsverbot seiner jüdischen Arbeitskollegen und Schüler emigrierte er 1933 nach London. Sein Ballett „Der grüne Tisch“ von 1932 hatte ihn auf einen Schlag berühmt gemacht und gilt heute als das erste politische Ballett überhaupt: eine bildhafte Anklage der Machenschaften der Mächtigen am Vorabend des Zweiten Weltkrieges.
Ein Foto von diesem Klassiker des modernen Tanzes inspirierte Sungyop Hong zur fulminanten Eingangsszene seines eigenen Stückes, in der zehn Tänzerinnen und Tänzer im Frack geschäftig und hektisch, mit großer Geste und kalten Mienen im Dienste der Diplomatie um die Macht schachern. Seelenlose Kriegstreiber unter sich. Das Ganze unterlegt mit einer stampfenden, gleichförmigen Klangcollage, die einen frösteln lassen würde, wären die Tänzer nicht so überragend.
Vor einer Bühnenwand aus fluffigem Schaumstoff, einer Art Flokati-Tapete, wechseln die Befrackten zum eigentlichen Thema über: inneres und äußeres Exil, Geschichten vom Fremd- und Verlorensein in einer anderen Kultur oder zumindest einem anderen Sprachraum, wie sie Tänzer überall auf der Welt erzählen könnten. Jede Compagnie – auch die Oldenburger – ist eine multikulturelle Truppe.
Da werden Koffer gepackt und geschleppt, Klamotten an- und wieder ausgezogen, tanzt jeder für sich und versucht schier Unmögliches – auf den Außenkanten der Füße zu laufen oder auf dem Kopf zu stehen –, scheitert und versucht es erneut.
Dazu findet der asiatische Tanzmeister rätselhafte, aber poetische Bilder, die nicht ohne Witz sind – wie etwa der Tänzer, der wie eine Mumie bis zum Hals in einem schlauchartigen Kostüm steckt, von drei Kollegen auf ein Brett geschubst und unsanft herumgewirbelt wird. Eingängig auch das Bild von der Tänzerin, die versucht, sich durch eine transparente, über den Kopf gestülpte Plastikkugel verständlich zu machen.
Viele Motive dürften aus dem asiatischen Kulturkreis des Choreografen stammen, sind märchenhaft und wunderschön anzuschauen, aber in ihrer Symbolik schwer zu dechiffrieren. Es wird auf Englisch, aber nahezu unverständlich ein Gedicht rezitiert und etwas Unlesbares an die Wand geschrieben.
Hier und da findet sich auch ein getanztes Zitat aus dem Werk von Pina Bausch, die den Titel für das Tanzstück lieferte: Sie interessiere sich nicht so sehr dafür, wie ihre Tänzer sich bewegen, sagte sie einmal, sondern dafür, was sie bewegt.
Die roten Nelken am Ende sind für sie. Was der Zuschauer allerdings nur weiß, wenn er zuvor das Programmheft gelesen hat.
