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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Mit heißen Ohren durch die Lesewildnis

21.02.2017

Oldenburg /Bamberg In meiner Kindheit in den Fünfzigerjahren lag die Stadtbibliothek in Oldenburg an der Gartenstraße. Die Bücherei hieß schlicht und einfach Brücke. Ich nahm an, dass damit die brückenartige Treppe gemeint war, die zum Eingang hinaufführte, diese Brücke, auf der wir in schnell fallenden Dämmerungen, an Spätnachmittagen im Herbst oder Winter, fröstelnd im Nebelstaub warten mussten, bis geöffnet wurde. Als ich später dahinterkam, dass Brücke nur ein Kürzel für das städtische Kulturzentrum Brücke der Nationen war, blieb ich dennoch dabei: Die Brücke war diese Treppe zum Wunderreich der Bücher, die ich wie Piratenschätze nach Hause trug, um sie dort, vom Lesefieber in bunte Fantasielandschaften gebannt, gierig und nimmersatt wegzuschlürfen, wie einem wirklich Fiebernden ja auch kein Getränk den unstillbaren Durst zu löschen vermag. Die Bücher freilich, die man am dringlichsten gebraucht hätte, um das Lesefieber zu stillen, waren fast immer ausgeliehen – besonders natürlich die Werke Karl Mays.

Doch das, was auf dem Index stand, der Schmutz und Schund, also Tarzan, Akim, Sigurd, und wie die Helden der schmalformatigen Comic-Serien alle heißen mochten, war in der Brücke nicht zu haben. Es gab jedoch einen Ort, an dem solche Schätze im Überfluss vorhanden waren: Diese Leseschatzinsel lag in einer Wohnung in der Westerstraße. Ein Schulkamerad hatte das sagenhafte Glück eines Vaters, der sowohl Comic-Hefte sammelte als auch alle, aber auch wirklich alle Bände Karl Mays besaß. Unsere Lektüre gab sich dort der grellen Kolportage so hemmungslos hin, als ob wir uns in diesen Büchern verbrannten. Die Seiten als Scheite, entflammt durch Lesende. Gibt es womöglich einen Zusammenhang zwischen Schmökern und Schmöken, Rauchen also?

Nun ja, das führt ins Nebelreich der Spekulation, die allerdings der Erinnerung verwandt ist. Die May-Bände mit den bunten Umschlagbildern und grün-schwarzen Jugendstil-Ornamenten auf den Rücken standen in einer Vitrine hinter Glasschiebetüren. Der stolze Besitzer war zu sehr Sammler, als dass er die Bücher aus dem Haus gegeben und uns ausgeliehen hätte. Vielleicht fürchtete er, seine Kostbarkeiten könnten unter unseren entzündenden Blicken in Feuer und Rauch aufgehen. Und so hockten wir also sehr artig im Schneidersitz vor dieser Schleiflack-Vitrine auf dem Sofa oder auf dem Fußboden und schmökerten uns mit heißen Ohren „Durchs wilde Kurdistan“, durch „Winnetou I bis III“ und durch Tarzans und Prinz Eisenherz’ Abenteuer.

Mein Vater rauchte – das heißt also: schmökte – zu dieser Zeit Senoussi-Zigaretten, auf deren orange grundierten Packungen Araber in wildromantischen, buntgestreiften Burnussen abgebildet waren, so dass ich ein klares Bild davon gewann, wie ich mir Hadschi Halef und die anderen Orientalen vorzustellen hatte.

Illustrationen zu den Wild-West-Geschichten gab es als Sammelbilder in den Wilken-Tee-Packungen, die meine Mutter kaufte. Unten, im Parterre des Schmökerhauses in der Westerstraße, befand sich ein Wäscherei- und Heißmangelbetrieb, aus dessen Räumen Dampfschwaden nach oben in unsere Leseräusche drangen. Deshalb werden die Abenteuer Kara Ben Nemsis und Old Shatterhands in meiner Erinnerung stets von einem Aroma durchtränkt bleiben, das sich aus Waschlauge und Hoffmanns Universal Stärke, Teeblättern und dem scharfen Rauch von Senoussi-Zigaretten zusammensetzt.

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