Oldenburg - Die Würze des Lebens ist drachenblutrot. Und unverzichtbar. Momentan parkt sie wischen Tulpenvase und geblümten Porzellan.
„Probier’ mal“, sagt Cristina Wagner, gießt Kaffee in Service und dippt ihre Fingerkuppe in das fruchtig duftende Pülverchen. „Paprika. Getrocknet und handgemahlen“, seufzt sie genüsslich – „sowas gibt es hier nicht“. An die drei Kilo davon lässt sich die gebürtige Ungarin von ihrer Mutter aus Budapest schicken. An Schmackes sparen liegt der 52-Jährigen nicht im Blut. „Wir Ungaren kochen herzhaft. Bei uns schmeckt alles intensiver – sauer ist sauer, süß ist süß, scharf ist scharf“, sagt sie und zündet sich eine Zigarette an.
Deutschen Schokoladenkuchen verschmäht die Systemgastronomin – kein Vergleich zur Budapester Punsch-Biskuittorte, bundesrepublikanische Essiggurken hingegen würden sich eher zum Dessert eignen. Im Einlegen sind die Ungarn nämlich Weltmeister. Im Grünkohlkochen haben die Übermorgenstädter ihre Nase vorn, hat die Wahloldenburgerin festgestellt. Bei einer Weihnachtsfeier im Bridge Club hat sie sich das erste Mal an dieses grüne Zeug getraut. „Und es war wunderbar!“ Endlich, sagt Christina Wagner und bläst Rauch aus, „endlich mal ein Essen mit was drin. Zwiebeln zum Beispiel.“ In ihrer Heimat beginne jedes Gericht mit dem Satz: „Nimm einen Kopf Zwiebel“. Daran hält sich die Ungarin mit kulinarischem Nationalstolz. Suppen, Eintöpfe, vor allem Gulasch kommt bei ihr auf den Tisch. „Gulyac“, sagt die 52-Jährige, „in allen Variationen – auch mit Walpilzen oder mit Fisch.“ Und natürlich mit Paprika-Pulver, indem das Fleisch samt gemahlenem Kümmel angebraten wird. Damit hat die leidenschaftliche Köchin bislang jeden Suppenkasper gewonnen.
Kulinarisch Flagge zeigen
Siegen will Christina Wagner auch am Samstag bei der Grünkohlweltmeisterschaft. Logisch. Sonst hätte sie die Bewerbung samt 1000 Zeichen langem Motivationsschreiben ja nicht abgeschickt. „Ich stehe für die Kooperation der deutsch-ungarischen Küche“, hat sie vollmundig versichert. Bestehen wird diese Ost-West-Fusion aus einem Grünkohlsalat, Salzkartoffeln und Pinkel. Was einfach klingt, ist raffiniert ausgetüftelt. „Rot, weiß, grün – Pinkel, Kartoffeln, Kohl. Auf dem Teller richte ich Ungarns Flagge an“, sagt die Wettkampfteilnehmerin. „Brassica Hungarorum“, nennt sie die Kreation – weil die selbst ernannte Grünkohlhauptstadt die Zubereitung des Wintergemüses, als Wissenschaft für sich bezeichne, passe nur ein lateinischer Name. Ihr Volk koche dabei stets „zehrrrrr dekorativ“. Da käme ihr auch die Ausbildung zur Schaufenstergestalterin zugute. Aber das war in einem anderem Leben – lange, bevor sie nach Deutschland ausgewandert ist. „Grund war natürlich die Liebe.“ Aber auch das ist vorbei.
Was jetzt ansteht, ist Kribbeln im Bauch bei der Jury zu entfachen. Trainiert wird jeden Dienstag. Vier Mal schon musste Freund Olli mit Stoppuhr und Besteck in Christina Wagners winziger Küche den Schiedsrichter spielen. Am Anfang war das kein Genuss – der Salat zu sauer, die Köchin im Stress. „40 Minuten für Zwiebeln schnippeln, Kartoffeln schälen, Fleisch anbraten“, schnauft die Oldenburgerin. Inzwischen läufts. „Der Renner“, findet Vorkoster Olli und ist Überzeugt, dass seine Cristina die 333 Euro Preisgeld bereits sicher hat. Sollte dem so sein, wird die 52-Jährige, davon Freunde zum Grünkohlessen einladen. Mit ungarischer Pinkel in Zwiebel-Paprika-Sauce. Auf modernen Schnickschnack wie Kale-Chips und grüne Smoothies könne sie, nebenbei bemerkt, verzichten. Bewährte Zutaten für Samstag sind bereits bei den besten Händlern des Wochenmarkts bestellt. „Faustgroße Zwiebeln, eierrunde Kartoffeln – und wenn ich wirklich den ersten Platz mache, dürfen die Händler damit werben, dass bei ihnen Weltmeister einkaufen“, sagt Christina Wagner.
Konkurrenz satt machen
Wenn die Generalprobe diesen Dienstag am heimischen Herd nach Geschmack verläuft, können auch die Mitbewerber satt gemacht werden. Das Wasser läuft der Oldenburgerin schon beim Gedanken an den gemeinsamen Abschussabend nach der Küchenschlacht im Munde zusammen, wenn es für Teilnehmer, Juroren, Veranstalter und Gäste zum Grünkohl-und-Pinkel-Schmaus ins Restaurant geht. In diesem Fall lässt die Ungarin sogar ihr Gulasch stehen.
Dafür eigne sich übrigens kein Grünkohl. „Weil der nicht mit Paprikapulver harmonisiert.“ Und das ist unverzichtbar. Eigentlich. Manchmal würzen eben auch andere Geschmäcker das Leben.
