Barßel - Ein leichtes Lächeln huscht über das Gesicht von Daniel. Er nimmt die sanften, wohltuenden Gitarrenklänge und den leisen Gesang des Musiktherapeuten Manfred Lüsing-Hauert wahr. Dabei ist der 22-jährige Daniel schon seit vielen Jahren mit neurologischen Defiziten mehr oder weniger an das Bett in der Facheinrichtung für Intensivpflege (FIP) in Barßel gefesselt.
Beziehung aufbauen
So wie bei Daniel gibt es noch bei weiteren Patienten in der Barßeler Einrichtung Reaktionen auf bestimmte Umweltreize, zu denen neben der Stimme, auch Töne und Klänge gehören. Auf Musik reagieren sogar Langzeit-Koma-Patienten mit Veränderungen der Atem- und Herzfrequenz, mit Greifbewegungen oder (beim sogenannten Wachkoma) mit längeren Phasen des Augenöffnens.
Der studierte Musikwissenschaftler Lüsing-Hauert greift bei seinem Vorgehen beispielsweise den Atemrhythmus oder den Puls des Patienten auf, um eine Einstimmung zu erzielen. Summen und die Entwicklung von Klängen erfolgt sehr einfühlsam. So kann es langsam zu einer Kontaktaufnahme kommen. „Mit den Mitteln der Musiktherapie ist es so möglich, diesen Menschen in der Barßeler Einrichtung ein Gefühl von Beziehung, Zugehörigkeit und Kontakt zur Welt zu vermitteln. Man baut eine Beziehung auf“, so der Rhythmus- und Gymnastiklehrer aus dem ostfriesischen Mitling-Mark. Es sei eine rezeptive Musiktherapie, wobei der Patient passiv und ohne eigenen Einfluss die Musik wahrnehme. „Im Verlauf der Musiktherapie erleben wir, wie der Patient den Blickkontakt sucht, die Hand drückt oder entspannt die Augen schließt“, so der 59-jährige Musiktherapeut.
Dass den Menschen durch die Musiktherapie ein Stück Lebensqualität gegeben wird, ist auch dem Förderverein „Kinderintensivpflege für Dauerbeatmete und Schwerstpflegebedürftige (KIDS)“ Barßel zu verdanken. „Wir wissen, dass die Musik den Patienten hilft und ihnen gut tut. Manchmal beschleunigt sich der Puls, der Atem geht schneller, Finger bewegen sich oder ein Zucken blitzt durch das Gesicht“, sagt der Vorsitzende Johannes Budde. Deswegen finanziere der Verein auch seit vielen Jahren die Arbeit des Musiktherapeuten – und das fast ausschließlich aus Spendenaufkommen.
Ein Stück Lebensgefühl
Um auch in den nächsten Jahren den Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Leben stehen, helfen zu können, sei man weiter auf Spenden angewiesen, sagt Budde. Jede noch so kleine Spende helfe den Menschen, die quasi zur Passivität verdammt seien.
„Die Musiktherapie spielt im Leben der Patienten eine wesentliche Rolle. Musik kann auch Schwerstkranke erreichen, da das Gehör der Sinn ist, der am längsten funktionsfähig bleibt“, sagt Heimleiter Volker Bley. Die Patienten erinnerten sich oft an die Klänge im Koma, beschreiben beispielsweise eine hohe Stimme oder Flötentöne. „Wunder kann man jedoch nicht erwarten“, weiß auch Bley. Doch er ist froh und glücklich, dass Musiktherapeut Manfred Lüsing-Hauert einmal in der Woche zu seiner Gitarre greift und den Patienten ein Stück Lebensgefühl gibt.
