Wildeshausen - Lange konnte Birgit Rost mit den seltsamen bunten Scheinen nichts anfangen, die sie von ihrer Mutter bekommen hatte. „Meine Mutter, die vor elf Jahren verstorben ist, hat immer gesagt, ich solle die drei Sechserpacks nicht wegwerfen, weil sie wertvoll seien“, erinnert sich die Frankfurterin. Da auf den farbigen Papieren „Wildeshausen in Oldenburg" steht, kontaktierte sie die hiesige NWZ -Redaktion und erfuhr zu ihrem Erstaunen, dass es sich um das sogenannte „Wildeshauser Notgeld“ handelt. „Meine Mutter stammte aus Hamburg, was sie oder mein Vater für eine Verbindung zu Wildeshausen hatten, weiß ich leider nicht“, berichtet sie.
Das Vertrauen in Notgeld ist in Kriegs- und Krisenzeiten oftmals größer als in offizielles Geld. Eine besonders große Menge an Notgeld wurde im Deutschen Reich in der Zeit rund um den Ersten Weltkrieg sowie während der Hyperinflation 1923 ausgegeben. Die große Anzahl von variantenreich gestalteten Geldscheinen mit viel Lokalkolorit erweckte bald auch das Interesse von Sammlern.
Noten von 1921
Ganz ähnlich verhielt es sich in Wildeshausen. Ein Blick in das Buch „Wildeshausen, Geschichte der Stadt“ von Albrecht Eckhardt verrät, dass Bürgermeister Freyer bereits im Juni 1919 die knappen Finanzen der Stadt in düsteren Farben schilderte. Wildeshausen litt noch unter den Folgen des Krieges. Viele Bürger sahen mit Besorgnis Preissteigerungen und Wohnungsmangel. Verantwortlich gemacht wurden neben der allgemeinen Geldentwertung auch lokalspezifische Faktoren, insbesondere der vermehrte Zustrom Auswärtiger.
Mehrmals versuchte der Stadtrat, dem mit der Geldentwertung einhergehenden Mangel an Zahlungsmitteln mit Notgeld abzuhelfen. So gab er zum Beispiel im August 1923 bei Ludwig Löschen für 20 Milliarden Mark Notgeld in Auftrag. Das Notgeld von Birgit Rost gehört zu der weit verbreiteten Serie vom 1. Dezember 1921. Für Ausgabe und künstlerische Gestaltung war Karl Stegemann zuständig. Die sechs Scheine (jeweils zwei 1-Mark-, 50-Pfennig- und 25-Pfennig-Scheine) zeigen auf der Vorderseite Ansichten der Stadt Wildeshausen. Dabei handelt es sich um die Großherzogin-Elisabeth-Heilstätte (heute Diakonie Himmelsthür), den Remter, den Huntelauf mit Stadtpanorama, die Alexanderkirche, den Marktplatz mit Rathaus und das Stadtbild von 1600.
Mit Gildemotiven
Auf der Rückseite sind – wie könnte es in Wildeshausen anders sein – sechs Motive aus dem Leben der Schützengilde zu sehen: der Weckruf von Tambourmajor und Trommlern, der Marsch der Schwarzröcke, das Abschreiten der Front durch den General, die Festnahme von „Gefangenen“, die Verurteilung durch das Gildegericht und die Ehrung des Gildekönigs.
Der Clou des Ganzen: Wenn die sechs Scheine in der richtigen Reihenfolge zusammengelegt werden, entsteht in der Mitte das Bild des Gildetrommlers. Die begleitenden Texte lauten zum Beispiel: „De Gilde deiht datt Oole bewahren. Just aß vär fiefhundert Jahren.“
Eine Rarität sind diese Notgeldscheine hingegen nicht. „Wir haben zwei Sätze im Archiv, und viele Alt-Wildeshauser haben auch noch Scheine zuhause“, weiß Eva-Maria Ameskamp vom Bürger- und Geschichtsverein.
Das bestätigt auch ein Blick ins Internet, wo diese Notgeldserie zum Preis von einigen Euro gehandelt wird. Für stolze 150 Euro wird hingegen das seltenere Sechserpack angeboten, das unter dem Motto „Stegemanns Hotel“ firmiert und andere Farben und Motive aufweist.
Schön ist das Notgeld, das Birgit Rost von ihre Mutter bekommen hat, trotzdem und im Archiv des Bürger- und Geschichtsvereins wird es auch kommende Generationen noch an längst vergangene Zeiten erinnern.
