Ramsloh - Die Luft ist erfüllt vom Dröhnen schwerer Maschinen, als die „Motorradfreunde Tülau“ aus der Nähe von Wolfsburg bei der Marinefunksendestelle Ramsloh (Kreis Cloppenburg) vorfahren. Die Biker wollen hören, was ihnen Carsten Kröger, der hier für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, über die Anlage zu erzählen weiß. Es ist eine Anlage, deren acht riesige Mastantennen selbst im Nordwesten viele nur aus der Ferne kennen. Sie liegt am Ende einer langen Straße, umgeben von einem 12 Kilometer langen Zaun. Die Hinweisschilder an diesem Zaun sind unzweideutig: „Vorsicht Schusswaffengebrauch!“ Denn die Dinge, die hier geschehen, betreffen die gesamte NATO und sind hochsensibel, zumal in Zeiten wie diesen.
Der Besuch der Marinefunksendestelle ist für die Biker Teil eines einwöchigen Bildungsurlaubs am Evangelischen Bildungszentrum Ostfriesland-Potshausen, den Edda Smidt organisiert hat. „Habt ihr alle euren Ausweis dabei?“, fragt sie. Ohne den kommt man nicht rein, die Wache, Pistole im Halfter, sammelt die Dokumente ein. Alle müssen eine „Belehrung“ unterschrieben – dass sie keinen Herzschrittmacher haben, sich von bestimmten Bereichen fernhalten und den Anweisungen des Personals Folge leisten werden.
Die Biker, 20 Männer und zwei Frauen, sind zum Teil schon gut rumgekommen, von Sandkrug bis Trollstigen, das dokumentieren Aufnäher an ihren Kutten. Nun aber betreten sie eine fremde Welt. Es ist eine Welt der Abkürzungen und der langen Namen. „MFüUstg2“ zum Beispiel steht für Marineführungsunterstützungszentrum. Carsten Kröger muss also eine Menge erklären, zumal auf seine Eingangsfrage, wer denn gedient hat, nur drei oder vier Hände hochgehen. Kröger ist seit fast 25 Jahren bei der Marine und lange zu See gefahren, auf Schnellboten und Versorgern. Er hat einen Stern und einen Balken auf seiner Schulterklappe, soll heißen: Kröger ist Offizier und Leutnant zur See.
Einmalig und zentral wichtig
„Diese Anlage ist einmalig“, sagt Kröger. Sicher, es gibt weitere in der NATO, aber die in der Esterweger Dose ist für das Atlantische Bündnis von besonderer Bedeutung, denn sie hat kaum Ausfallzeiten. Die Hauptaufgabe: Abgetauchte U-Boote der NATO mit Informationen versorgen. Diese Informationen sind verschlüsselt. Hier im Moor sind sie nur für den Transport zuständig. Wie genau der geschieht, ist eher was für Technikfreaks. Es fallen Wörter wie Trägersignal oder Phasenumlastung. Und Abkürzungen wie VLF für „very low frequency“, also Längstwelle. Richtig kluge Fragen kann eigentlich nur ein Mann aus der Gruppe stellen, ein Elektriker. Als ein anderer fragt, was die Strahlenbelastung für die Umwelt bedeutet, sagt Kröger, dass er Handys für gefährlicher hält. Und dass sich unter den 55 Soldaten und 12 zivilen Mitarbeitern auch ein fünffacher Vater befindet.
„Wir sind weltweit empfangbar“, so der 45-Jährige. Bis zu welcher „Tauchtiefe“, das ist geheim. Nur soviel: Die 15 oder 20 Meter, die ein deutscher Sender namens „Goliath“ im Zweiten Weltkrieg schaffte, die schaffen sie hier locker. 1957 stellte die Bundesmarine ihre ersten U-Boote in Dienst, darunter die Wilhelm Bauer, die heute im Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven zu sehen ist. Es brauchte also eine neue Sendeanlage. Bis diese allerdings ihre ersten Signale aussenden konnte, gingen viele Jahre ins Land, erst 1982 war es soweit. Kosten damals: rund 180 Millionen DM. „Jetzt würden wir weit in die Milliarden gehen.“
Höchste Bauwerke im Norden
Acht Mastantennen ragen seither in den Himmel, fünf in Ostfriesland, drei im Landkreis Cloppenburg, also auf oldenburgischem Gebiet. Die Masten sind exakt 352,8 Meter hoch und haben on top noch einen acht Meter hohen Dachschirm. Es gibt in Deutschland nur ein Bauwerk, das höher ist: den Berliner Fernsehturm mit 368 Metern. „Wir waren jahrelang das höchste begehbare Bauwerk in Europa“, sagt Kröger. Mit dem Fahrstuhl kann man 345 Meter hochfahren. Wer dann noch ein paar Treppenstufen nimmt, sieht bei gutem Wetter in gut 60 Kilometern Entfernung die Nordsee. Nur darf das niemand, jedenfalls kein Besucher.
Jeder Mast wiegt 475 Tonnen. Abspannseile, sogenannte Pardune, verhindern ein Schwanken. Alle fünf Jahren werden Masten und Seile geprüft, nach Stürmen gibt es eine „kleine Mastprüfung“. Und alle 20 Jahre wird frische Farbe aufgetragen, die Malerarbeiten werden ausgeschrieben und dauern Monate.
Die Sender selbst sind in zwei speziellen Schutzbauten untergebracht. Beide Bauten verfügen über ein 120.000-Liter-Fass für Diesel und vier Generatoren. Sie sind rund um die Uhr mit vier Mann besetzt und auf vielfältige Weise gesichert, wie genau, behält Kröger für sich. Die gesamte Anlage liegt inmitten einer weiten, nahezu baumlosen Ebene. Auch das ist kein Zufall. „Wir sind abhängig vom Moor“, das hier mehrere Meter tief ist. „Feuchter Boden garantiert eine bessere Reichweite.“ Der Klimawandel – genauer gesagt die Trockenheit – ist auch hier ein Problem: ein sicherheitspolitisches.
Wissenswertes
Sechs Termine für Gruppen mit bis zu 20 Personen kann Carsten Kröger im Jahr vergeben. Man braucht also Glück und Geduld – Anfragen per Mail an MFueUstgZ2_oeffentlichkeitsarbeit@web.de. Wer nur mal von außen einen Blick auf die Anlage werfen möchte: Bei der „Moorerlebnisroute“ umrundet man mit dem Rad die Esterweger Dose (www.moorerlebnisroute.de).
Für die rund 100 Kilometer lange Strecke sollte man zwei Tage veranschlagen. Oder man fährt mit der Moorbahn „Seelter Foonkieker“ für zwei Stunden geradewegs hinein in eine der größten zusammenhängenden Moorflächen Deutschlands.
Info unter www.moorfahrten.de
