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Literatur Held mit schmutzigen Händen

Reinhard Tschapke

MOSKAU - Leo Demidow dürfte es nicht mehr geben. Wenn doch, dann übersät mit Narben, die Knochen gebrochen, der Geist geschunden. Es gibt keinen Angriff, dem er nicht ausgesetzt war, kaum eine Qual, die er nicht erlitt. Doch er überlebt und ist nun wieder als Geheimdienstagent aktiv.

Leo Demidow ist keine lächerliche Comic-Figur, die man zu Klump haut, um sie kurz darauf wieder zusammenzusetzen. Im Gegenteil. Demidow ist ein sensibler, nachdenklicher Typ, hochgebildet, aber bescheiden. Eine seltene Mischung. Und er ist Arbeitnehmer beim sowjetrussischen KGB, verhaftet Unschuldige, führt sie Straflagern, Folter und Hinrichtungen zu. So einer als Held?

2008 hat der Brite Tom Rob Smith (32) mit „Kind 44“ den ersten stalinistischen Thriller geschaffen. Das war ein Bestseller, von dem man vorher dachte, es wird garantiert kein Bestseller. Der Held eher blass, die Handlung historisch in der UdSSR angesiedelt, der Roman dick bis fettleibig. Unter 400 Seiten fängt Smith gar nicht an. Nun liegt der dritte Roman mit dem Helden Demidow in deutscher Sprache vor: „Agent 6“.

Das Erfolgsrezept der Bücher ist das Erfolgsrezept von Spannungsromanen seit Karl May. Es geht um Abenteuer und nicht um den Sprachstil. Über den liest man hinweg, weil man wissen will, wie die Sache ausgeht. Wie der Held seine Lebensreise fortsetzt. Wie Demidow Bespitzelungen überlebt. Wie er den Aufstand gegen die Kommunisten 1956 in Ungarn begleitet. Wie er aus dem russisch besetzten Afghanistan in die USA emigriert und am Ende wieder in der UdSSR vor der Zeit von Gorbatschow landet.

Unschuldige im Gulag

Der erste Krimi handelt von einer Mordserie in einer Epoche, in der es keine Kriminalfälle geben durfte. Jedenfalls nicht nach der Staatsauffassung der UdSSR. Doch Demidow stößt auf Morde an Kindern und nimmt beharrlich die Spur auf. Smith erzählt das ruhig, um nicht zu sagen breit. Er zeigt uns einen Helden, der nicht gern redet und wie ein Bürokrat am schlichten Schreibtisch hockt.

Demidow avanciert zum ersten Mordermittler der Sowjetunion, zu diesem Zeitpunkt ist Demidow allerdings schon fürs Leben gezeichnet: den äußeren Wunden folgen innere Verletzungen. Er hat Unschuldige getötet, viele in Gulags gebracht. Er war ein Apparatschik. Der Makel hängt dem KGB-Agenten in den nächsten Büchern an.

In „Kolyma“, dem zweiten, eher schwächeren Roman, lässt er sich freiwillig als Häftling in ein Lager einweisen, um seine Familie – seine Frau Raissa und die zwei adoptieren Mädchen – vor Gaunern zu schützen. Im dritten, jüngsten Roman, „Agent 6“, wird die Vorgeschichte nachgeliefert: Der Agent hat im Zweiten Weltkrieg gekämpft und lernt seine Raissa kennen, allerdings unter dramatischen Umständen.

Demidow fasziniert, weil er in erster Linie Unbescholtene verhaftet und dafür belohnt wird. In dem Moment, in dem er beginnt, wirkliche, grausame Verbrecher zu verfolgen, wird er selbst zum Opfer eines dunklen Systems. Demidow macht sich die Hände schmutzig, will aber sauber bleiben. Doch der Terror ist Teil der kommunistischen Verheißung eines besseren Lebens, und Demidow gehört zum System, gegen das er kämpft. Ein wunderbar ergiebiger Widerspruch.

Lektüre macht süchtig

Angeblich ist mit der Trilogie die Reihe um Demidow nun abgeschlossen, sagt der Verlag. Das wäre übel, denn Tom Rob Smith macht seine Leser süchtig nach einer raren Mischung aus Abenteuer und Melancholie, Geist und Action. Und jede Sucht will befriedigt werden.

Smith hat eine schwedische Mutter und einen englischen Vater. Er studierte in Cambridge und in Italien, schrieb Drehbücher. Warum er einen Helden erfindet, der in der Sowjetunion arbeitet? Das lässt sich kaum erklären.

Vielleicht damit, dass sich eine Lücke im literarischen Universum auftat. Sie wurde gut gefüllt.

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