MüNCHEN - Es gibt Buchtitel, die geradezu sprichwörtlich werden, sodass sie am Ende fast jeder kennt und genüsslich zitiert. „Die Entdeckung der Langsamkeit“, 1983 erschienen, ist so ein Buchtitel. Geschrieben hat den fulminanten Roman Sten Nadolny. Nun wird der in Berlin und am Chiemsee lebende Autor am 29. Juli 70 Jahre alt.

Nadolny stammt aus Zehdenick an der Havel. Er musste fast zwangsläufig Autor werden, schließlich entstammt er einer Schriftstellerfamilie: Seine Mutter Isabella (1917–2004) schrieb Frauen- und Familienromane, der Vater Burkhard (1905–1968) war Romancier. Es ist übrigens kolportierter Unsinn, dass der Sohn besonders unter der berühmten und erfolgreichen Schriftsteller-Mama gelitten habe und nur deshalb Autor geworden sei, um es ihr zu zeigen.

Der Sohn wuchs zunächst in Oberbayern auf, studierte dann in Göttingen, Tübingen und Berlin. Er promovierte mit einer Arbeit über die Weimarer Republik, schlug sich als Taxifahrer durch, war Geschichtslehrer und Aufnahmeleiter bei Film und Fernsehen.

1981 veröffentlichte er den Roman „Netzkarte“. Der erzählt die Geschichte von Ole Reuters Bahnreise ohne Ziel durch die Republik – ein äußerst lesenswerter Ausbruchsversuch. 1983 folgte die berühmte „Entdeckung der Langsamkeit“. Nadolny schildert darin die Geschichte des britischen Seeoffiziers und Entdeckers John Franklin, der ein langsamer Mensch ist. Der Schnelllebigkeit und dem Leistungsanspruch der Moderne wird die Langsamkeit als humanitäres und gutes Lebensgefühl entgegengesetzt.

Der Roman erzielte riesige Auflagen und wurde in alle Weltsprachen übersetzt. „Selim oder Die Gabe der Rede“, „Ein Gott der Frechheit“, „Er oder Ich“ oder der „Ullsteinroman“ – die Familiengeschichte des Verlags – sind weitere erfolgreiche Bücher Nadolnys. Vor wenigen Jahren erschien, zusammen mit Jens Sparschuh geschrieben, „Putz- und Flickstunde“. In diesem Frühjahr kam „Weitlings Sommerfrische“ heraus, ein herrlicher Roman voll Altersweisheit.

Nadolny ist oft geehrt worden, darunter mit dem Hans-Fallada-Preis. Die Ingeborg-Bachmann-Auszeichnung erhielt er 1980 – er hatte die kritische Jury in Klagenfurt restlos begeistert. Aber er blieb sich treu: Er dachte und handelte anders als die anderen. Er teilte die Preissumme unter seinen teilnehmenden Kollegen auf. Seine Solidarität begründete er mit dem „schädlichen Wettbewerbscharakter“ der Veranstaltung. Der leise, bedächtige Herr hat eben – in diesen Zeiten etwas Seltenes – eine eigene Meinung.