München/Oldenburg - Merkwürdige Dinge geschehen an diesem Februartag im vornehmen München-Bogenhausen. Menschen mit einem bunt geschmückten Bollerwagen, dekoriert mit Grünkohlblättern und Flaschen mit allerlei Hochprozentigem, ziehen mit einem Schnapsgläschen um den Hals die Straße entlang. An einer Kreuzung brüllen sie „Kreuzung!“, dann kippen sie sich kollektiv einen hinter die Binde. Zwei Passanten gucken neugierig, sie ahnen, was los ist: „Ist das ‘ne Kohlfahrt? Cool, wir kommen aus Bremen.“
Doch das hier ist eine Oldenburger Kohlfahrt, mitten in München. Dass die zelebriert wird, ist André Brumunds Schuld. Der Werbetexter stammt aus einem Dorf bei Oldenburg in Niedersachsen und organisiert sie dieses Jahr zum 15. Mal in München, zur Grünkohlzeit im Winter.
Es gibt in München noch weitere, auch Bremer Kohlfahrten. Zum Ablauf gehören wie im Norden neben Zuckeln mit Bollerwagen und Gläschenheben verschiedenste Spielchen. Am Ende stehen Grünkohlverzehr und Wahl eines Kohlkönigpaars. Zu Brumund kommen 30 bis 40 Teilnehmer aus allen Regionen Deutschlands und feiern das Oldenburger Kulturgut.
Die 165 000-Einwohner-Stadt Oldenburg sieht sich selbst als Hauptstadt des Grünkohl-Königreichs. Seit 1956 kürt sie einen Kohlkönig oder eine Königin, die Inthronisation erfolgt beim sogenannten Defftig Ollnborger Gröönkohl Äten in Berlin. Zu den Gemüsemonarchen gehörten Helmut Kohl, Helmut Schmidt und Angela Merkel.
Zwar werde in Norddeutschland auch anderenorts Grünkohl gegessen, sagt Bettina Koch von Oldenburg Tourismus und Marketing (OTM). Aber mit einer „solchen Verbundenheit“ werde die Kohlliebe nur im Oldenburger Land zelebriert. Das begeistert auch Menschen am anderen Ende der Welt: Es wurden schon Fotos von Kohlfahrern aus Australien und Brasilien an die OTM geschickt.
Kochs Rat an Kohltour-Novizen? „Wetterfeste, warme Kleidung und Spaß am Teamgedanken haben.“ Denn in wechselnden Teams wird gespielt. Bei der „Schlucklatte“ wird gleichzeitig aus an einer Latte befestigten Eierbechern, nun ja, gebechert.
Kerstin Brumund hat als amtierende Kohlkönigin die Tour 2019 geplant. „Durchs Grüne“ sollte es wie immer gehen, „und man muss gucken, dass nicht so viele Kinder in der Nähe sind“ - denn an jeder Kurve und Kreuzung sollte man einen Schluck Hochprozentigen nehmen, wenn man es ernst meint mit der Tradition.
Ina aus Oberfranken ist zum ersten Mal dabei. Über Bekannte hat sie die Fahrt entdeckt, kannte nur Fotos vom Bollerwagen, „aber ich bin generell sehr wagemutig“, und so kann sie auch so etwas wie Mausefallenbasketball nicht schrecken - also die Dinger mit Tennisbällen zum Zuschnappen bringen. „Es gefällt mir sehr gut.“
Sigi aus Donauwörth war 2013 sogar Kohlkönigin. Durch ihren Sylter Ex-Freund kannte sie die Grünkohltradition. Der Freund ist passé, aber der Kohl „ist sehr lecker, und nach der Kohlfahrt freust du dich auf was Deftiges.“
Das Objekt der Begierde gibt es am Abend im Wirtshaus. Gekocht wird der Kohl nach dem Rezept von André Brumunds Mutter. Anderthalb Stunden haben das Königspaar und Brumund mit dem Restaurantleiter über die feine Oldenburger Art gesprochen. „Die Köche in München haben oft noch nicht davon gehört.“ „Die meisten kennen Grünkohl nur vom Smoothie“, witzelt Kohlkönig Roger Keller.
„Etwas flüssig, mehr wie Spinat“, urteilen die Gäste. „Aber es schmeckt“, sagt Hartmuth, seit 40 Jahren in München lebender Oldenburger. „Nach so einer Tour schmeckt alles.“ Zum Kohl muss es unbedingt Oldenburger Pinkel als Beilage sein: geräucherte Wurst mit Hafergrütze. In bayerischen Gefilden ist die Delikatesse unbekannt. Manch unerfahrener Münchner Koch habe sie gar „wie Weißwurst in einer Terrine auf den Tisch gestellt“, schüttelt Keller den Kopf. Ein Frevel!
Noch ist eben nicht jeder in der bayerischen Landeshauptstadt mit dem norddeutschen Brauchtum vertraut. Einmal wollten die Fahrer vor dem Innenministerium am Odeonsplatz ein Selfie machen. „Da kam Polizei und meinte: „Das muss ja nicht sein.““ Auch bei der Münchner Sicherheitskonferenz, die jährlich während der Grünkohlsaison stattfindet, fielen die fidelen Oldenburger auf.
Einige Polizisten hätten sich dem offenbar unbekannten Phänomen im Dunstkreis der Konferenz genähert und gefragt, ob sie Randalierer gesehen hätten. „Da hatte wohl jemand die Polizei gerufen, weil er uns mit unserem Wagen für Randalierer hielt“, schmunzelt Keller.
