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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Premiere: Regisseur zwischen Genie und Wahnsinn

30.09.2020

München Heute wäre ein Regisseur wie Rainer Werner Fassbinder kaum denkbar. Einer, der am Set herumschreit und sogar handgreiflich wird. Der Alkohol- und Drogenexzesse auslebt und der andere Leute reihenweise beleidigt und provoziert. Und doch wurde er zu einer Ikone des deutschen Films mit Streifen wie „Angst essen Seele auf“, „Die Ehe der Maria Braun“ oder der ARD-Serie „Berlin Alexanderplatz“.

Als Theaterinszenierung

Oskar Roehler setzt dem Münchner nun mit „Enfant Terrible“ ein filmisches Denkmal. Neben Oliver Masucci („Er ist wieder da“) in der Hauptrolle spielen unter anderem Katja Riemann, Eva Mattes, Hary Prinz und Sunnyi Melles. Der Bundesstart ist am 1. Oktober. Roehler („Herrliche Zeiten“) inszeniert den Film wie ein Theaterstück – Fassbinders Leben wie auf einer Bühne, vor dunklen, angemalten Pappkulissen. Fenster, Türen, Lampen, Küchenschränke, alles nicht echt. Es gibt viel Theatralik in diesen zwei Stunden, dazu ein faszinierendes Spiel von Licht und Schatten.

Ein wuchtiger Film mit Momenten, die auch mal etwas anstrengend sind, die sich aber trotzdem zu einer spannenden Interpretation von Fassbinders Leben fügen: das Unstete, das ständige Gefühl des Getriebenseins, das Bruchstückhafte.

Masucci ist großartig in der Rolle dieses ungebärdigen Mannes, der daheim am liebsten mit offenem Bademantel abhängt und keine Probleme hat, seinen Bauch zu präsentieren. Der lacht, schreit, weint, liebt, sinniert, fordert und verurteilt, ohne Rücksicht auf sich und andere.

Besessen und getrieben

Masucci zeigt ihn als Besessenen, der nie zur Ruhe findet, weil ihn seine fantastischen Ideen förmlich bedrängen und der ausrasten kann, wenn andere nicht sofort verstehen, was ihm vorschwebt. Dabei spannt der Film einen Bogen von Fassbinders Theaterdebüt am Münchner Action-Theater Ende der 1960er Jahre bis hin zum einsamen Tod am 10. Juni 1982 in seiner Wohnung im Alter von nur 37 Jahren.

Über die Jahre versammelt er illustre Menschen um sich, wie eine große Familie. Manche verletzt er so tief, dass sie sich zurückziehen. Andere nehmen seine Launen in Kauf und arbeiten mit ihm, darunter Hanna Schygulla, Barbara Sukowa, Rosel Zech oder Brigitte Mira, im Film gespielt von Eva Mattes. Die Mühe lohnt sich, gibt es für Fassbinders Werke doch viele Preise.

Auf der Suche nach Liebe

Doch tief im Herzen ist der Filmemacher verzweifelt auf der Suche – nach Liebe, vor allem zu Männern. Seine oft hochdramatischen Beziehungen sind ein wichtiger Teil des Films, etwa zu Schauspieler Günther Kaufmann, dargestellt von Michael Klammer.

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