MüNCHEN - Ellen und Alice stammen aus Sachsen und leben in München. Besonders die Italiener lieben die tanzenden und singenden Geschwister.

Von Dierk

Strothmann

MÜNCHEN - Man muss schon genau hinsehen, wenn man wissen will, wer Alice ist und wer Ellen, und nur Eingeweihte wissen, wie man die beiden unterscheidet: Alice, die etwas Ältere, trägt die sorgfältig gescheitelten Haare leicht links, Ellen leicht rechts.

Aber wer achtet schon auf so etwas, wenn sie die überlangen Beine fliegen lassen und im exakten Gleichklang über die Bühnen der Welt wirbeln. Am Sonntag werden sie 140 Jahre alt, die Kessler-Zwillinge – wie immer zusammen natürlich.

„So ein Mist, dass ich gerade wieder geheiratet habe“, soll Frank Sinatra gestöhnt haben, als er die knackigen Schönheiten zum ersten Mal sah. Viele waren begeistert, die den beiden hochgewachsenen Töchtern (1,75 Meter) des Ingenieurs Paul Kessler und seiner Frau Elsa aus dem sächsischen Nerchau zusahen. Auch Dean Martin, Burt Lancaster und Elvis Presley sollen bewundernde Pfiffe nur mühsam unterdrückt haben.

Vor allem den Italienern erging es so. Als die beiden 1960 als erste Frauen im italienischen Fernsehen Bein zeigten, schnalzte zumindest der männliche Teil der Bevölkerung genießerisch mit der Zunge. Die „Kessler-Mania“ steigerte sich noch, als sich die beiden knapp 40-jährig 1976 für die italienische Ausgabe des „Playboy“ auszogen. Innerhalb weniger Minuten war die gesamte Auflage vergriffen.

Die Kesslers und Italien, das war immer schon Liebe auf den ersten Blick – bis heute. Und so feiern die Zwillinge ihren 70. in Positano bei Neapel im Haus ihres Freundes, des vor allem für seine Opernverfilmungen berühmten Regisseurs Franco Zeffirelli (83). Von 1962 bis 1986, als sie in eine geräumige Villa im Münchner Nobel-Viertel Grünwald zogen, lebten die Zwillinge in Italien.

Nach gründlicher Ballettausbildung an der Leipziger Oper und Umsiedlung der Familie 1952 aus der DDR in die Bundesrepublik, wurden die beiden Mädchen 1953 ans Düsseldorfer Revuetheater „Palladium“ engagiert, was eigentlich mit dem Jugendschutz nur schwer vereinbar war, denn sie waren ja erst 17. Aber das fiel damals in Wirtschaftswunder-Deutschland offenbar keinem auf. Was allein zählte, war ihre strahlende Präsenz auf der Bühne. Und die war so überwältigend, dass 1955 auch Pierre Louis Guerin, der legendäre Chef des ebenso legendären Pariser „Lido“ gar nicht anders konnte, als sie unter Vertrag zu nehmen und in seine berühmte „Blue-Bell-Girls“-Truppe aufzunehmen. Es dauerte nur ein Jahr, und die Kesslers hatten alle anderen Mädels an die Wand getanzt. Was folgte, waren Auftritte in New York, Hongkong, in Las Vegas, Sidney und Caracas und immer wieder TV.

Sie bekamen ihre eigenen Fernsehshows, spielten in Kinofilmen und vertraten, woran sich heute kaum noch jemand erinnern kann (oder will), 1959 Deutschland beim „Grand Prix d’Eurovision“. Sie erreichten nur Platz acht unter elf Teilnehmern und hatten mit ihrem „Heut’ Abend woll’n wir tanzen geh’n“ keine Chance.

Eigentlich, so verriet die seinerzeit 43 Jahre alte Ellen Kessler, hätten sie schon mit 18 gedacht, dass ihre Tanzkarriere mit 30 beendet sein würde, aber offenbar gehe es immer noch weiter. Sie spielten Brecht und schrieben Bücher, zuletzt die Autobiografie „Eins und Eins ist Eins“.

Männer hat es nicht viele gegeben in ihrem Leben, und es wird wohl auch keine mehr geben. Kinder haben sie nicht, und ihr Millionenvermögen vermachen sie der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“. Und der Tod? Auch den sehen die beiden sächsisch sachlich: „Weg ist weg, da bin ich ganz realistisch“, sagte Ellen kürzlich. Aber vielleicht irrt sie sich ja auch und die beiden tanzen weiter – zusammen bis in alle Ewigkeit.