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Olympia 1972 Seine Strichmännchen sind seit 50 Jahren Gold wert

München - Regenbogenspiele hat man diesen Olympischen Sommer 1972 genannt, weil die Fahnen, Plakate und Uniformen, die Schautafeln und Souvenirs inklusive Dackel Waldi in allen Farben zu sehen waren – außer in Rot und Schwarz, den Farben der Nazis. Denn das war die Mission des großartigen Gestalters, Grafikers und Typographen Otl Aicher, der an diesem 13. Mai 100 Jahre alt geworden wäre: den zweiten Sommerspielen auf deutschem Boden im 20. Jahrhundert ein Erscheinungsbild zu verpassen, das sich komplett von Berlin 1936 unterschied. Die martialische Optik der Propaganda-Schau sollte 36 Jahre später ersetzt werden durch das Bild eines neuen Deutschlands, das für Frieden, Demokratie und nicht zuletzt Lebensfreude stand.

Designer, Denker und einflussreicher Gestalter

Otl Aicher (1922-1991) prägte in Form und Farbe das Erscheinungsbild der Olympischen Spiele 1972. Mit seiner Frau Inge Aicher-Scholl, der Schwester von Hans und Sophie Scholl, und dem Architekten und Künstler Max Bill gründete er 1953 die Hochschule für Gestaltung Ulm (HfG). An seinem Wohnort Rotis im Allgäu entwickelte er 1988 die gleichnamige Schriftfamilie. Aktuell ist im Prestel Verlag der Prachtband „Otl Aicher – Designer. Typograf. Denker“ erschienen (49 e  ).

Sein stringentes visuelles Konzept gab den Spielen 1972 gleichzeitig diese ungeahnte Leichtigkeit, von der noch heute alle schwärmen. Mit Charme und Humor sollte den ausländischen Gästen von Anfang an dokumentiert werden, dass die Deutschen ganz anders wollen und auch können. Vor allem die von Aicher entworfenen Piktogramme waren revolutionär: Gerade Linien und Punkte waren zunächst geometrische Elemente, die erst in der Kombination zum Zeichen wurden und so zu allen sprachen, gleich, welchem Kulturkreis sie auch entstammten. „Minimalschrift für Analphabeten des hektischen Zeitalters“, spotteten Kritiker.

Sechs Jahre Arbeit

Nach dem Zuschlag an München durch das IOC im Jahr 1966 hatte Aicher sechs Jahre lang an den Figuren gefeilt, an Sprintern, die im 45-Grad-Winkel loslaufen, vermeintlich in die Speichen fassenden Radsportlern und Fußballern, die einen Ball auch als Kopf tragen. Dabei verfeinerte der 1922 geborene Ulmer einen Code, den der Japaner Masaru Katsumie 1964 als Bildzeichensystem für Sportarten entwickelt hatte. Auch ihm hatten wenige Balken und Striche als Chiffre genügt.

Überhaupt war Aichers ganzes Erscheinungsbild durchkomponiert, sein Konzept gilt als Urknall des „Corporate Design“. Nichts überließ er der Zufälligkeit, selbst farbige Fahnenpulks zum Kaschieren hässlicher Stadtecken und bunte Overalls für die Polizei gehörten zum olympischen Design.

Wichtige Verbündete

Dass Otl Aicher frei agieren durfte, war einflussreichen Verbündeten zu verdanken: Willi Daume als Chef des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) und der damalige Münchener Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel (SPD) hielten die Hand über ihn und drückten manche Sorge der Bedenkenträger weg.

„München 72“ verbreitet bei vielen Zeitgenossen auch nach 50 Jahren ein Gefühl wohliger Wärme, von dem die Stadt heute noch profitiert. Otl Aicher, der Olympiasieger unter den Grafikern, erwies sich als Verfechter eines klaren Stils, der Moderne statt der Postmoderne. Mit der Zeitlosigkeit seiner Figuren war er 1972 der Zeit voraus.

Oliver Schulz
Oliver Schulz Redaktion Kultur/Medien (Ltg.)
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