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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Bayreuth: Musik als Grundrauschen

29.07.2013

Bayreuth Er habe gar nicht den Anspruch, einen Jahrhundert-„Ring“ auf die Beine zu stellen, sagte Frank Castorf kurz vor Beginn der Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele. Und nach den ersten beiden Teilen erhärtet sich der Verdacht: Die Gefahr besteht wohl auch nicht. Was Frank Castorf, der nach Absagen von Tom Tykwer und Wim Wenders reichlich kurzfristig als Regisseur einsprang, jetzt in Bayreuth vorgelegt hat, enttäuscht bislang.

Zwar gefällt dem Bayreuther Publikum Castorfs „Walküre“ deutlich besser als das grellbunte „Rheingold“, das kann aber nicht über das ungute Gefühl hinwegtäuschen, dem Berliner Regisseur sei inhaltlich nicht wirklich etwas zu Wagners Tetralogie eingefallen.

Nach Tankstellen- und Motel-Kulisse (Bühnenbild: Aleksandar Denic), B-Movie-Ästhetik, einem Gangster-Wotan und leicht bekleideten Rheintöchtern im „Rheingold“ geht es in der „Walküre“ deutlich gesitteter zu. Das Bayreuther Publikum, das nicht als konservativ gelten will, aber immer wieder das Gegenteil unter Beweis stellt, freut sich darüber. In der ersten Pause atmen viele hörbar durch. Seine Inszenierung stört nicht großartig – damit kann ein Castorf doch eigentlich nicht zufrieden sein.

Diesmal spielt die Geschichte zwar nicht, wie im „Rheingold“, in den USA der 1960er Jahre, sondern bei der Ölförderung in Aserbaidschan. Kulisse ist ein schäbiger Förderturm auf einer Drehbühne. Beziehung zu Teil eins? Eher Fehlanzeige.

Castorfs Konzept aber bleibt weitgehend das gleiche: Er setzt auf filmische Untermalung und lässt die Sänger stets von einem Kameramann begleiten. So nah hat man die Stars der Wagner-Oper selten beobachten können. Dadurch geht aber viel von der großen ganzen Geschichte verloren. Schlüsselszenen verpuffen, weil gerade auf der Leinwand etwas völlig anderes läuft. Und immer wenn Fokussierung droht, rollt wieder jemand irgendwo ein Bettlaken aus und bastelt damit eine neue Leinwand.

Fokussierung ist das große Problem an Castorfs Inszenierung. Denn es gibt sie nicht. Seine Interpretation zerfasert, vieles wirkt wie pure Effekthascherei. Die Frage, warum Elisabet Strid im „Rheingold“ als Freia einen Lack-Catsuit tragen muss wie Pamela Anderson in dem Film-Machwerk „Barb Wire“, bleibt ebenso unbeantwortet wie die, warum Mime (Burkhard Ulrich) die Regenbogenfahne der Schwulenbewegung hisst.

Sein großes Thema, das Öl als Gold unserer Zeit, wirkt trotz „Rheingold“-Tankstelle, Förder-Kulisse in der „Walküre“ und alten Videos irgendwie aufgesetzt. Wagners Musik scheint für Castorf nicht viel mehr als Grundrauschen zu sein, Filmmusik.

Und dazu wäre sie womöglich auch verkommen, hätten sich die Sänger nicht alle Mühe gegeben. Am besten gelingt das der herausragenden Anja Kampe als Sieglinde und Johan Botha als Siegmund. Stürmisch werden die beiden gefeiert. Das Bayreuther Festspielhaus steht Kopf schon nach dem ersten „Walküren“-Aufzug.

Catherine Forster als Brünnhilde hat es da nicht so leicht. Nach dem zweiten Aufzug wird sie von Teilen des Publikums ausgebuht. Am Ende aber haben Zuschauer und Sopranistin sich wieder versöhnt und sie wird ebenso stürmisch gefeiert wie Wolfgang Koch als Wotan.

Den größten Anteil daran, dass der „Ring“ trotzdem ein Erfolg werden könnte, hat Bayreuth-Debütant Kirill Petrenko. Der Dirigent hat die schwierige Akustik anscheinend problemlos im Griff. Der kleine Russe ist in diesem Jahr schon jetzt der große Star der Festspiele.

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