Leer - Passt das überhaupt? Kann man ein Musikfestival, das acht Wochen lang vor allem Kammermusik zelebriert, mit derartiger orchestraler Schlagkraft beenden? Und ob!
Man muss dazu das „Junge Philharmonische Orchester Niedersachsen“ engagieren, 120 Instrumentalisten. Dazu den Dirigenten Andreas Schüller. Der legt den krachenden Brutalitäten in Dmitri Schostakowitschs 7. Sinfonie C-Dur, der „Leningrader“, keine Zwänge an – aber nur, um dadurch der ausgedehnten kammermusikalischen Faktur zwischen den brüllenden Ausbrüchen eine besondere Eindringlichkeit zu geben.
Heroisch klingen die ostfriesischen „Gezeitenkonzerte“ aus. 1100 Musikfreunde lassen sich am Sonntag in der ausverkauften Halle auf dem Polderhof in Bunderhee (Landkreis Leer) vom Sog der Musik ergreifen. Bei solchen Scharen ist es auch Programm, dass das vierte Festival der Ostfriesischen Landschaft mit einem neuen Besucherrekord zu Ende geht.
Schüller lässt mit seinem prächtigen Orchester der Monumental-Propaganda ihren Raum. Aber von dieser Oberfläche stoßen die Musiker in die Tiefe vor: Wenn Stille hereinbricht und viel sagt. Wenn Kantilenen innere Idyllen zeichnen, die keine äußeren Katastrophen zerstören können. Wenn sich Walzer gegen Marschtritte wehren.
Auch Kammermusik kann orchestrale Wucht erzeugen. Der glasklar artikulierende Pianist Vasyl Kotys hat das am Tag zuvor in Wolfgang Rihms „Tombeau“ demonstriert, ebenso das bei aller dynamischen Weite bis in letzte Detail intensive Minguet-Quartett mit Rihms Streichquartetten Nr. 4 und 11, dazu der kernig feine Tenor Karo Khachatryan mit Klavierliedern.
Rihm, Deutschlands derzeit bekanntester Komponist, erläutert in der Evenburg in Leer seine Werke und seine „innere Triebhaftigkeit“ zur Musik. Dieses Selbstporträt ist einer der Clous in dieser Gezeiten-Reihe. „Unsere Erfahrung verstellt uns mit dem Vorwissen den Zugang zu neuer Erfahrung“, sagt er. Wie er heute seine Werke hört, kann sich vom früheren Verstehen weit unterscheiden: „Das ist das Großartige an Musik, dass sie den Eigensinn des Einzelnen anspricht, das ist große Freiheit.“
In der Evenburg zeigt sich Rihms Vielschichtigkeit dramatisch. Die Musik birst vor Energie, doch im nächsten Moment flüstern die Motive nur miteinander. Aber sie ist auch präzise bis zur feinsten Linie, sie wächst und verblüht organisch.
Mehr als 9000 Musikfreunde haben sich zu den 33 Gezeitenkonzerten locken lassen. Matthias Kirschnereit, der ambitionierte künstlerischen Leiter, fühlt sich längst zur nächsten Reihe vom 14. Juni bis 24. August 2016 angestachelt: „Die Künstler haben immer wieder bestätigt, dass sich hier im Nordwesten das Publikum ungewöhnlich intensiv auf Musik einlässt.“ Rihm pflichtet bei: „Es hat meiner Musik höchst individuell entgegen gehört!“
