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NWZonline.de Region

Mythos bekommt tiefe Kratzer

29.02.2016

Oldenburg Nach zehn Jahren Krieg um Troja wollen Odysseus und seine Männer nur noch nach Hause. Odysseus hat zwar kein Konzept für die Heimreise, aber das ist wenigstens alternativlos. Auf weitere Nachfragen der Mannschaft lässt Odysseus sie wissen, dass sie ein Teil der Antwort nur verunsichern könnte.

Tim Tonndorfs und Daphne Ebners Bühnenfassung der Odyssee von Homer ist reich an Anspielungen auf die aktuelle Politik und an klugen Regieeinfällen. Die Uraufführung am Sonnabend im ausverkauften Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters wurde mit lang anhaltendem begeistertem Applaus bedacht.

Mehrheit fürs Pferd

Der Beifall galt vor allem den sieben Darstellern, die in zahlreichen Rollenwechseln ihre große Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellten. Sie legten eine große, kräftezehrende Spielfreude an den Tag, sodass die fast dreistündige Inszenierung von Tonndorf wie im Fluge verging. Stimmig das Bühnenbild (Anna Bergemann), eine imposante Holzkonstruktion, die bis in den Zuschauerraum ragt.

Im rund 2700 Jahre alten Epos besingt Homer in 12 200 Hexameterversen die Irrfahrt und Heimkehr von Odysseus, der an der Seite der griechischen Könige nach Troja gezogen war. Das Publikum im Kleinen Haus hat die Wahl, ob die Odyssee einschließlich der Geschichte vom trojanischen Pferd erzählt wird oder nicht. Abstimmungen im Theater liegen ja gerade im Trend. Eine große Mehrheit entscheidet sich für die Fassung mit Pferd, auch wenn sie fünf Minuten länger dauert und unabhängig davon, ob es sich wirklich so zugetragen hat. Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters.

Im ersten Teil haben es Odysseus und seine Männer mit einem wütenden Meeresgott, mit Zyklopen und Sirenen zu tun. Da tut Entspannung zwischendurch gut: Auf der Insel der Phaiaken fließt der Retsina in Strömen, die Stimmung könnte am Ballermann auf Mallorca nicht besser sein. Aber das Gastrecht hat auch seine Grenzen. Der Fremde wird zum unkalkulierbaren Risiko erklärt. Das zum Thema, wie Europa mit Flüchtlingen umgeht.

Odysseus ist bei Tonndorf ein widersprüchlicher Charakter, Held und Opfer zugleich. Entsprechend wird er von vier Schauspielerinnen (Diana Ebert, Agnes Kammerer, Nientje Schwabe und Magdalena Höfner) gespielt. Und weil ohnehin alles auf den Kopf gestellt und am Mythos kräftig gekratzt wird, lässt Tonndorf Penelope von einem Mann (Jens Ochlast) spielen. In weiteren Rollen agieren Rajko Geith und Pirmin Sedlmeir.

Mit jedem Schichtwechsel an Bord vollzieht sich ein Wechsel im Führungsstil. Da scheint jemand Mäuschen gespielt zu haben in Managerschulungen. Wenn gar nichts mehr hilft, dann greift der Antreiber Odysseus zur Gruppendynamik. „Wenn wir Geschlossenheit zeigen, kommen wir da durch.“ Den Satz haben wir doch irgendwo schon mal gehört?

Blutige Rache

Der zweite Teil der Odyssee erzählt von der Heimkehr Odysseus an den Hof von Ithaka, wo sich Penelope seit 20 Jahren 108 heiratswilliger Freier erwehren muss. Die Freier leben in Saus und Braus. Sie lassen ihrer Gier freien Lauf. Das Volk schaut dem Treiben machtlos zu, ein Aufstand bleibt aus.

Aber Odysseus nimmt blutige Rache, zusammen mit seinem Sohn Telemachos tötet er alle Freier und untreuen Dienerinnen. Das Gemetzel vollzieht sich auf der Bühne lautlos im Zeitlupentempo. Eine starke Szene.

Die alte Ordnung ist wiederhergestellt in Ithaka. Aber ist Odysseus wirklich ein Held, der klug, verantwortungsbewusst und menschlich handelt? Hat sein Verhalten nicht neues Blutvergießen zur Folge? Wie gesagt: Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters.

Lore Timme-Hänsel
Redakteurin
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2065

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