Ihr Buch wurde gerade ausgeliefert. Wenn Sie es in diesen Tagen neu schreiben würden, käme das sächsische Heidenau darin vor?
JürgsNein. Heidenau ist für mich kein besonderer Ort der Geschichte, sondern – hoffentlich – nur für ein paar Tage wegen der Gewalt gegen Flüchtlinge in den Medien. Sicher, in einem halben Jahr muss man nachfragen: Ist jemand wegen der Randale gegen Flüchtlinge verhaftet worden? Aber das wäre dann eine journalistische Sache.
Heidenau taugt nicht zum Erinnerungsort?
JürgsNein, hoffentlich niemals, und die Russen werden ja Sachsen wahrscheinlich auch kein zweites Mal von den Nazis befreien – aber das ist jetzt nur ein Scherz. Erinnerungsorte, wie ich sie in meinem Buch beschreibe, müssen tief im Bewusstsein sitzen. So wie das Haus am Wannsee für die geplante Judenvernichtung steht oder Sanssouci für den Alten Fritz oder Hohenschönhausen für die Macht der Stasi oder Worpswede für die Kunstwelt.
Wie werden wir dereinst im Geschichtsbuch auftauchen, wenn es um die Flüchtlinge von heute geht?
Jürgs Wir gehen heute in der Mehrheit ganz anders mit Flüchtlingen um als der Pöbel in Heidenau. Nach 1945 hat es doch auch geklappt! Viele haben im Hinterkopf, dass wir nach dem Krieg doch auch Millionen Flüchtlinge aufnehmen mussten. Auf die hatte man auch nicht gewartet, die wurden auch erst angefeindet, die lebten auch erst kümmerlich in Nissenhütten. Heute sind die voll integriert. Wir sind eben das Land, das am meisten Menschen gefoltert, getötet und vertrieben hat. Vielleicht sind wir jetzt das Land, das am meisten Flüchtlinge aufnimmt.
In Ihren Reportagen stoßen Sie erstaunlich oft auf eine braune Vergangenheit.
JürgsDie spielt, ohne dass ich das wollte, bei ungefähr der Hälfte der geschichtsträchtigen Orte eine Rolle. Nehmen Sie nur Wolfsburg, wo Zwangsarbeiter schuften mussten. Oder Buchenwald, von dessen KZ in Weimar angeblich alle nichts wussten. Wie sich die Deutschen dieser Vergangenheit nähern, das ist das Thema meines Buches. Ich fühlte mich wie ein Archäologe, der ein wenig kratzen muss.
Und auf was sind Sie dabei gestoßen?
JürgsEs gibt dieses braune Pack wie in Heidenau, und das Ausland denkt vielleicht: So sind die Deutschen. Aber ich weiß jetzt: Nein, das sind wir nicht! Wir Deutsche haben inzwischen eine erstaunliche Gelassenheit in Krisen entwickelt. Diese Gelassenheit unterscheidet uns zum Beispiel von Ländern wie Ungarn oder von den Rechtsradikalen in Frankreich oder Dänemark. Unser Land hat aus seiner Geschichte gelernt – junge wie alte Deutsche. Das ist doch mal was!
Sie sind für Ihr Buch viel gereist. Wohin hat die Reise wenig Spaß gemacht?
JürgsDas Haus am Wannsee und das Holocaust-Mahnmal haben mich schon bedrückt, da stockte mir der Atem. Am meisten Spaß hat mir Meiningen gemacht, das alte Hoftheater.
Sie haben beim Besuch der historischen Stätten prominente Partner mitgenommen – funktionierte das gut?
JürgsJa, zum Beispiel war ich mit Volker Schlöndorff im Ufa-Studio in Babelsberg oder mit Lothar de Maizière auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin. Das ergab eine andere Sicht auf die Dinge. Das habe ich versucht aufzuschreiben, und zwar so, wie Billy Wilder mal forderte: Es gibt zehn Gebote, und neun davon lauten: Du darfst nicht langweilen!
Sie waren auch im DFB-Fußballmuseum in Dortmund.
JürgsAls ich mich dort ankündigte, erwähnte ich, dass ich mit Katja Kraus komme, der ehemaligen Torfrau der Nationalmannschaft. Da sagte man mir am Telefon: Muss es denn ’ne Frau sein?
Ihr Buchtitel sagt: „Wer wir waren, wer wir sind“. Und: Wer waren wir denn?
JürgsWir waren in den letzten Jahrzehnten vom Holocaust und von Goethe geprägt. Die Nation sah sich als Nation der Henker und Denker. Wir waren ein tief getroffenes, schuldig gewordenes Volk. Aber wir haben auch Martin Luther oder Thomas Mann zu bieten, die großen Dichter oder die Freiheitskämpfer des Hambacher Festes.
Ist Ihr Buch eine Auftragsarbeit?
JürgsNein, ich mache immer nur, was mich interessiert. Ich bin eigentlich nur Journalist. Das ist doch ein anständiger Beruf!
