Nadorst - Die Aufgabe ist einfach: Eine gegen alle. Fünf Frauen hat Schauspieler Jo Schmitt um sich versammelt. Im Wechsel muss immer eine von ihnen jeweils die vier anderen davon überzeugen, ihr schnell zu folgen. „Weil es zum Beispiel brennt“, regt Schmitt an. Die Gruppe jedoch soll sich derweil ignorant verhalten, einfach weitertratschen. „Seid schwerhörig oder einfach doof“, sagt der Profi den Laien lachend. Irmtraud wagt als erste den Auftritt vor der Runde.
Im Caritas-Seniorentreffpunkt im Pavillon (Scheideweg 100) trifft sich immer dienstags von 10 bis 12 Uhr der Theaterimprovisationskurs für ältere Menschen. „So ab 55 Jahren“, sagt die hauptamtliche Leiterin Dagmar Thieß. Seit nun anderthalb Jahren können sie hier der Anleitung des Schauspielers Jo Schmitt (53) folgen, der das Motto ausgegeben hat: „Das Leben ist ein Spiel“.
Verrückte Sachen
Zurzeit besteht die Gruppe aus sieben Frauen – alle über 60 Jahre. „Durch einen Todesfall und Krankheit hat sich der Kurs leider reduziert“, bedauert nicht nur Dagmar Thieß. Auch die Übriggebliebenen wollen weiterspielen. Ziel ist nicht der Auftritt vor großem Publikum, sondern der Spaß daran, in andere Rollen zu schlüpfen und auch mal „verrückte Sachen“ zu machen. Wer mitspielen will, ist also willkommen. „Zwölf bis 13 Leute wären toll“, sagt Schmitt. Ab einer Stärke von zehn Mitspielern kostet die Teilnahme laut Thieß 40 Euro für zehn Termine.
Der Seniorentreffpunkt der Caritas befindet sich im Pavillon am Scheideweg 100 (bei Famila). Er ist barrierefrei und gut erreichbar mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die Haltestelle Hackenweg liegt vor der Tür. Parkplätze gibt’s ausreichend.
Das Treffpunkt-Café ist an jedem Werktag – bis auf den Mittwoch – jeweils von 14 bis 17.30 Uhr geöffnet. Man muss nicht an den speziellen Angeboten teilnehmen, jeder ist auch nur auf einen Kaffee oder Tee willkommen.
Beratungsangebot: Neben den Veranstaltungen (Vorträge, Spielenachmittage usw.) gibt es eine offene Beratung am Dienstag von 15 bis 17 Uhr und eine nach Vereinbarung freitags, 15 bis 17 Uhr; Kontakt: Dagmar Thieß;
Irmtraud steht unterdessen in der „Manege“. Sie versucht es mit Argumenten. Traut sich auch immer näher an die sitzende Gruppe heran, spricht von der lauernden Gefahr, gestikuliert. Die anderen fühlen sich nicht angesprochen. Irmtraud gibt auf und geht ab. Gisela übernimmt ihre Rolle. Als auch bei ihr die Worte nicht wirken, rückt sie ebenfalls der Gruppe näher und packt Edda am Arm. Über den Körpereinsatz bekommt sie die Aufmerksamkeit. „Aber sie hat mich verunsichert“, gibt Edda zu. Sie versucht es nun auch selbst. Erst leise, dann aber schreit sie: „Hallo!“ Alle zucken zusammen, gucken Edda an. Die sagt nun zwar nichts mehr, doch alle hängen an ihren Lippen. „Die Pause nach dem lauten Hallo – die war’s“, so die Analyse der anderen. Inge und Dagmar versuchen es mit Argumenten und Bitten. Sie scheitern.
Was aber nicht schlimm ist, denn für die Frauen geht es darum, sich auszuprobieren. „Mal was zu machen, was ich noch nie gemacht habe“, sagt Inge. Sie war immer Theatergängerin, „über 20 Jahre mit Abo“. Nun wollte sie mal die andere Seite betrachten. Edda sagt: „Ich bin auf den Titel ,Das Leben ist ein Spiel’ abgefahren.“ Für sie könne es beim Improtheater gar nicht verrückt genug sein. „Mein Selbstvertrauen ist gestiegen und man lernt auch, besser zuzuhören. Denn das ist wichtig beim Improvisieren.“ Gisela nickt und sagt: „Ich beobachte jetzt auch andere Menschen viel intensiver. Ihre Gestik und Mimik.“
Dagmar und Irmtraud, die sich erst später zu der Gruppe gesellt haben, berichten davon, dass sie gleich „super“, aufgenommen wurden. Zu einer Schnupperstunde, die selbstverständlich kostenfrei ist, sind Interessiere willkommen.
Knochen wie Gummi
Manchen werden wohl auch die Rufe und Geräusche neugierig machen, die aus dem Pavillon kommen. An diesem Tag waren es beispielsweise beim „Warmmachen“ Wörter wie aus dem Comic: Beispiel (in Lautsprache): Sipp und Sapp, Boing und Pau. Aber auch Stöhnen – als gespielt wurde, wie man einen Felsbrocken hebt und wirft. Danach sind die Damen wie Roboter durch den Raum gelaufen und so, als wenn ihre Knochen aus Gummi wären. Jo Schmitt, der seine Schauspielausbildung in Köln absolviert hat, ist da sehr fantasievoll. „Es geht einfach darum, Spaß zu haben, aus seinem Umfeld und aus sich herauszukommen“, sagt er.
Und dazu komme die Lebenserfahrung, die die ältere Generation in ihr Spiel einbringen könne, betont Dagmar Thieß. Außerdem halte Improvisation wach im Kopf. Um das Angebot am Leben zu halten, brauche man einfach nur mehr Mitspielerinnen und Mitspieler. Dann sei es auch mit der Förderung durch öffentliche Mittel und mit Hilfe von Sponsoren einfacher, sagt die Sozialarbeiterin.
Die Idee von einer Theatergruppe für Ältere, die ein Stück erarbeitet, hat Dagmar Thieß darüber hinaus im Kopf. „Fürs nächste Jahr.“ Keine leichte Aufgabe, oder?
