NARTUM/BREMEN - Das Werk des Schriftstellers Walter Kempowski (1929–2007) ist im Grunde von seinem verwinkelten Anwesen in Nartum bei Bremen nicht zu trennen. Der obsessive Sammler und ironische Chronist des deutschen Bürgertums hatte im Haus Kreienhoop nicht nur Tausende von Tagebüchern und Lebenszeugnissen, Briefe, Fotos und Frontberichte vor dem Vergessen verwahrt, sondern auch unzählige Erinnerungsstücke und persönliche Gegenstände aufgehoben. Fast alle bedachte er mit einem nachdenklichen Kommentar, wenn er Besucher durchs Haus führte.

Auch die Bremer Videokünstlerin Marikke Heinz-Hoek (Jahrgang 1944) ließ sich am 30. November 2005 von dem Schriftsteller führen, nur hatte sie eine Handkamera dabei. In ihrem Dokumentarfilm „Sichtachsen“ begleitet sie ihn auf seinem Gang durch die Räume und lässt die Kamera laufen, wobei sie jedoch auf jeden Kommentar verzichtet.

Und der Zuschauer folgt ihr beziehungsweise dem bereits von seiner schweren Krankheit gezeichneten Kempowski, der, mitunter eine Melodie summend, auf Strümpfen (rutschfeste mit Noppen, wie die Künstlerin im Begleitheft betont) und am Stock voranschlurft. Er führt zu den Fotos der Familie, zu dem im Fußboden eingelassenen Stein aus seiner Zelle in Bautzen und in den „Elfenbeinturm“, von dem aus er quer durchs Gebäude in die Allee im großen Garten sehen konnte.

Vorbei auch an den endlosen Bücherregalen, zur „Lotterecke“, wo sich das Ehepaar Kempowski beim Fernsehen entspannte, zu den Spielzeugburgen, die er als „Symbole für die menschliche Seele“ verstand, und zu seiner Heimatstadt Rostock – ein detailgetreu nachgebautes Modell mit zwei beweglichen Schlittschuhläufern davor. Weiter zur Glassammlung und den sorgsam an den vielen Fenstern aufgereihten Skulpturen aus Holz, Porzellan und Metall.

Natürlich führt der Weg auch durch sein ins Riesenhafte angewachsene Biografien-Archiv, das Hunderttausende von Fotos und Millionen Blatt Papier umfasste und das er der „Stiftung Archiv der Berliner Akademie der Künste“ vermachte. Zuletzt geht es ins eigentliche „Gehirn“ des Hauses, seinem Arbeitszimmer. Dass ihre Kamera die erste gewesen sei, die dort Aufnahmen machen durfte, ist allerdings ein Irrtum der Künstlerin. Fotografien von Kempowski an seinem Computer existieren schon lange.

Marikke Heinz-Hoek ist ein durchaus intimes Porträt des Schriftstellers gelungen. Eindrucksvoll ist es in seinen leisen Momenten, etwa wenn Kempowski sich ans Klavier setzt, etwas Jazz improvisiert und gedankenverloren durch das Fenster in die weite Landschaft blickt.

Neues allerdings weiß die Künstlerin nicht zu berichten. Kreienhoop-Besucher werden sich an das Ritual der Rundgänge erinnern, an Kempowskis oft humorvolle Ausführungen und an den leisen, monotonen Singsang seiner Stimme, mit der er sie vorbrachte. Seine Chronistenpflicht verlangte nach Zeugen. Dennoch erfüllt der Film eine wichtige Aufgabe, eine, der Kempowski sein ganzes Leben gewidmet hat: die des Bewahrens.