NARTUM - Als mir vor Jahren Zeitungsanzeigen von Walter Kempowski begegneten, mittels derer der Schriftsteller bat, ihm Dokumente aller Art, Tagebücher, Briefe, Aufzeichnungen und Fotos namenloser Zeitgenossen zu schicken, da fragte ich mich: Was will der Mann mit diesen Bergen von Papier, von Schnappschüssen Unbekannter, mit lauter persönlichen Bekundungen?

Ich hatte keine Ahnung, wohin diese seltsame Sammelleidenschaft führen sollte. Doch als ich eines Tages bei einem seiner Seminare im „Haus Kreienhoop“, dem Domizil des Autors, meine Texte vorlas, fragte ich nach dem Motiv für die Anhäufung meist durchschnittlicher Lebenszeugnisse. Und da gab er mir eine Antwort, überzeugend wie unvergesslich: „Ich möchte nicht, dass all diese Menschen spurlos verschwinden.“

Dabei saß er hinter seinem Schreibtisch inmitten zu Schrift und Bild gewordener lebender und toter Landsleute, nicht wie ein Herrscher, der über Erinnern und Vergessen urteilt, sondern wie ein gewissenhafter Chronist. Solchermaßen entstanden seine berühmten und gelobten „Echolot“-Bände, diese vielstimmige Zeugenschaft, der wir entnehmen können, was es mit uns auf sich hat, im Guten wie im Bösen.

Nichts wird da romanhaft abgehandelt, nichts dazuerfunden, nichts stilistisch angeglichen. Die Doppelnatur des Menschen, seine erfreulichen und seine finsteren Seiten, unauflöslich verbunden, bieten dem Leser einen Spiegel an.

Kempowski selbst hatte keine besonders guten Schicksalskarten gezogen. Für ihn war die Nachkriegszeit die Existenz am Abgrund. Kempowski musste jahrelang Ostdeutschland aus einer betonierten Perspektive wahrnehmen. Er wusste Bescheid, wozu eine ideologisierte Staatsmacht, eine Diktatur, in der Lage war. Seine Haft wurde, nachdem er in die Bundesrepublik kam, zu einem Nachteil für ihn. Er kam in ein System, wo die hauptsächlich betriebene Kunst die Verdrängungskunst war. Und nicht nur betrieben am Stammtisch, sondern ebenso von Intellektuellen, die ihr Heil lieber in Vietnam suchten und nicht zuletzt in der DDR.

Kempowski ist in Westdeutschland über Jahrzehnte ignoriert und verkannt worden. Ihm ging der Ruf des konservativen, gar des Rechtsgerichteten voraus, weil er dem Netzwerk der Freunde deutscher Spaltung nicht entsprach. Er hat diese Missachtung nicht verdient. Schließlich gehört er zu den bedeutendsten Autoren. Ihm war etwas eigen, was den meisten Kollegen fehlt: Humor, Witz, Mutterwitz gar, Neigung zur Groteske, und außerdem beherrschte er die Kunst – etwa in dem Werk „Letzte Grüße“ – Personen durch ihre Sprechweise bildhaft darzustellen.

Autor und Werk sind identisch. Kempowski besaß die Eigenart, mit feiner Ironie Leute und Situationen auszustatten. Unvergessen ein Moment, der das Zeug zur Anekdote hat. Als Siegfried Lenz seinen Geburtstag im Hamburger Rathaus feierte, saß Kempowski neben der alten Schauspielerin Ida Ehre. Die Sitzung war feierlich, man schwieg beharrlich. Bis Kempowski sich bemüßigt fühlte, Konversation zu machen. Er wandte sich an Ida Ehre und sagte im fast intimen Ton: „Wir haben jetzt Hühner!“

Das Gesicht von Ida Ehre blieb unbewegt. Sie hat wohl diesen Satz so wenig vergessen wie ich. Es war eine ausgesprochen Kempowskische Situation. Das richtig falsche Wort am richtig falschen Ort. Ein schöner Kontrapunkt einer Feierlichkeit, die kräftig durchheitert wurde.

Nicht nur da war mein Freund Walter Kempowski wunderbar.