NARTUM/OLDENBURG - Der schwer kranke Autor (78) lebt bei Bremen. Er lehrte in den 80er-Jahren in Oldenburg. Gegenwärtig zeigt die Berliner Akademie der Künste eine große Schau über ihn.

von Manfred Dierks

In den 80er-Jahren konnte man ihn an einem bestimmten Wochentag nachmittags in den Oldenburger Restaurants „Ali Baba“ sitzen sehen oder in der „Kartoffelkiste“. Die Bedienung brachte ihm, kaum saß er, immer dieselbe Vorspeise – begleitende Studenten bekamen jeder eine Cola.

Kempowski machte Pause zwischen zwei Seminaren, die er an der Uni abhielt. Er war schon berühmt in den 80er-Jahren – seine sechsbändige Chronik des deutschen Bürgertums hatte er 1984 mit dem Roman „Herzlich willkommen“ abgeschlossen. „Minibuddenbrooks“ sagten Gehässige dazu, doch Kempowski war sicher, dass sich das „Mini“ noch verlieren würde. 1989 feierte er seinen 60. Geburtstag deshalb vorsorglich in Lübeck. Wie heute jeder weiß, hat er recht behalten.

Was machte er von 1980 bis 1991 an der Oldenburger Uni, wie kam er überhaupt dorthin? Der Bedarf für einen Chronisten deutscher Bürgerlichkeit war doch damals denkbar gering an der Carl-von-Ossietzky-Uni. Tatsächlich aber war genau das der Grund für Kempowskis Anwesenheit. Es handelt sich dabei um eine Anekdote, die nicht in die Stiftungslegende der Oldenburger Uni eingegangen ist, aber die Gründungszeit charakteristisch beleuchtet.

Ich kannte Kempowski seit Jahren und schrieb ein Buch über ihn, für das wir lange, sehr eindringliche Gespräche geführt hatten – eine seltene Chance für den Literaturwissenschaftler, auch die „Produktion“ von Literatur kennen zu lernen. So lud ich ihn auch an die Uni ein, wo er dann mit Kollegen von mir bekannt wurde. Ihr Kummer war damals, dass die Bevölkerung der Region, aber auch die Mehrheit der Politiker, der Uni sehr reserviert gegenüberstand und deren Existenz in Frage stellte. Immer wieder drang der Lärm von linkem Aufruhr aus den Seminarräumen, und mancher Bürger fürchtete um Hab und Gut.

Anders gesagt: Die junge Uni betrieb erfolgreich Forschung und Lehre, spielte aber auch gern den Bürgerschreck. Da kam man auf die Idee, Kempowski eine Stelle anzutragen – er nahm sie an, und beiden war geholfen: Die Uni hatte den geradezu prototypischen „bürgerlichen“ Schriftsteller als Dozenten und konnte also so schlimm nicht sein. Und der Lehrer Kempowski hatte mehr Zeit für seine Projekte.

Wer in seinen Seminaren saß, bekam Originelles zu hören, eine Mischung von Didaktik und Kunst, wie sie an Hochschulen selten gedeiht. Kempowski lehrte einmal Literatur, und das war natürlich seine eigene. Germanistikstudenten bekamen etwas für sie außerordentlich Wichtiges mit: den Entstehungsprozess eines Textes, und zwar vom Handwerk her.

Einen Kollegen von mir, höchst abstrakter Literaturtheoretiker, gruselte es regelmäßig, wenn er Kempowskis griffige Seminarthemen las, etwa „Vom Erlebnis zum Ergebnis“. Tatsächlich aber unterrichtet mancher gute Deutschlehrer in der Region heute noch nach den Einsichten, die er damals über das Schreiben von Literatur gewonnen hat.

Besonders gefragt war Kempowski als Grundschulpädagoge. Er kam aus der Göttinger Schule der „Reformpädagogik“, die sehr auf die Eigentätigkeit des Kindes setzte. Seine Lehrerstudenten lernten Maxime wie diese: „Anschauungsobjekt stumm hinstellen. Kinder kommen lassen.“

Für den Erstleseunterricht gab es „Kempowskis einfache Fibel“, eine Eigenproduktion, die – wen wundert’s – oft Ähnlichkeit mit Romantexten ihres Autors besaß. Doch manchen war ihr Familienbild zu bewahrend. So enthielt sie eine Doppelseite über „Vater und Mutter“, auf der eine Hausfrau, aus einem Einfamilienhaus dem vergesslichen Vater nachstürzend, ihm die Aktentasche apportiert.

Ich hörte von einem Kollegium junger Lehrerinnen, das wegen dieses Bildes die Anschaffung der Fibel ablehnte.

Kempowskis Oldenburger Episode endete 1991. Dann wandte er sich der Uni Rostock zu, wo er wegen seiner Geburt ja auch hingehörte. Seine Oldenburger Studenten verfolgten jetzt von fern, wie aus der Grundzelle der Familienromane das Generationenepos des „Echolot“ herauswuchs. Manche besuchen ihn heute noch in seinem Haus in Nartum bei Bremen.