Bookholzberg/Oldenburg - Rätselhaft. Dieses Attribut gehört zu den Merkmalen der Erhebung namens Bookholzberg, die die Nazis in den 1930er-Jahren zum Bau einer Freilichtbühne inspiriert haben. Und rätselhaft ist für die Gemeinde Ganderkesee, den Förderkreis und die Landesstiftung als Eigentümerin, welche Nutzung für das Kulissendorf Stedingsehre denkbar und wünschenswert ist.
„Visionen für einen Unort“ – eine Reise in die Albträume deutscher Leid(t)kultur, läuft diesen Freitag und Samstag, 10. und 11. September sowie Mittwoch bis Samstag, 15. bis 18. September, jeweils ab 19 Uhr.
Corona-bedingt sind nur vollständige Geimpfte, Genesene oder Getestete mit einem offiziellen Tagestest zugelassen (mit Kontrolle).
Neben warmer Kleidung wird festes Schuhwerk empfohlen (Kopfsteinpflaster und Wiese). Regenschirme sind vorhanden.
Karten im Vorverkauf 28,50 Euro (ermäßigt 23,50).
Karten online sowie in der Touristinfo am Lappan Oldenburg und Restkarten an der Abendkasse. Infos unter www.kulturetage.de
Zu des Rätsels Lösung soll ein Theaterprojekt der Oldenburger Kulturetage beitragen, das am Mittwochabend Premiere feierte. Mit Leidenschaft und fesselnd zeigt ein 15-köpfiges Ensemble nach einer Idee von Bernt Wach und unter Regie von Markus Weiß und Ulf Goerges nicht nur, wie das berühmt-berüchtigte Stück „De Stedinge“ des umstrittenen Heimatdichters August Hinrichs von den Nazis in Szene gesetzt wurde. An verschiedenen Spielorten auf dem weitläufigen Dorfgelände und aufgeteilt in Gruppen werden Besucherinnen und Besucher auch mit den demagogischen Kräften vermeintlich harmloser Heimat- und Kulturinitiativen konfrontiert.
Neue Nutzungsideen
Ein fiktiver Bundesverband Heimat und Volk stellt seine Idee vor, Stedingsehre zu einem „Heimatmuseum der deutschen Seele“ auszubauen. Ein „Schulungszentrum für kulturelle Integration und Leitkultur“ empfiehlt sich als weiterer Interessent. Einzig und allein das Informations- und Dokumentationszentrum, das der Förderverein Stedingsehre errichtet, hat den Status einer Vision hinter sich gelassen und harrt seiner Eröffnung in einigen Wochen.
Durch die ständigen Orts-, Szenen- und Blickwechsel und aufgelockert durch eine längere Pause vergehen dreineinhalb Theater-Stunden wie im Nu. Nazi-Größen wie der berüchtigte Oldenburger Gauleiter Carl Röver und dessen Lieblingsdichter Hinrichs erscheinen; auf der Bühne werden Auszüge berühmten Freiheitskampfes der Stedinger im 13. Jahrhundert lebendig. Das gekonnt illuminierte Dorf mit seinem Fachwerkcharakter hat hohe Aufenthaltsqualität – zumal an einem wunderbaren Spätsommerabend.
Wo bleibt Beteiligung?
Die Kulturetage sieht ihre Produktion als Wettbewerb, der Ideen für eine neue Identität von Stedingsehre entwickelt. Besucherinnen und Besucher werden, so das Konzept, als Akteure in diese Ideenwerkstatt eingebunden.
Wo diese Beteiligung ihren Ort hat, bleibt – abgesehen von Gelegenheit zum Austausch vor, während und nach der Aufführung – allerdings offen. Die Nutzungsideen, die – hintergründig und humorvoll umgesetzt – Visionen für Stedingsehre entwerfen, dürften bei Zuschauerinnen und Zuschauern inhaltlich allesamt Befremden, wenn nicht sogar Abscheu auslösen.
So gelungen die facettenreiche und tiefgründige Auseinandersetzung mit in Schafsfällen gehüllten totalitären Ideologien ist: Wie das Neue für Stedingsehre aussehen, das Potenzial genutzt und der „Unort“ erlöst werden könnte, bleibt dunkel. Als Antwortversuch bleiben die „Visionen für einen Unort“ selbst ein Rätsel.
