Wiesbaden - Für den großen Moment streift der Wiesbadener Museumsdirektor Alexander Klar weiße Handschuhe über. Dann heben er und der hessische Kunstminister Boris Rhein (CDU) einen schweren Holzrahmen von einer Staffelei. Nur die Kehrseite eines Gemäldes ist zu sehen. Vorsichtig drehen Klar und Rhein das Bild um und hängen es an die Wand. „Die Labung“ von Hans von Mareés (1837-1887) ist wieder zu bewundern. Die Geste des Umdrehens ist an diesem Freitag symbolisch: Nazi-Unrecht wird nach fast 80 Jahren zu Recht gewendet.
Das Bild war Raubkunst, wie sie immer noch in deutschen Museen und Privatsammlungen schlummert. Das hat spektakulär vor einem Jahr auch der Fall des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt gezeigt. „Die Labung“ gehörte dem jüdischen Unternehmer Max Silberberg aus Breslau, 1935 musste er seine Kunstwerke auf Druck der Nationalsozialisten versteigern lassen. Eine Wiesbadener Familie vermachte das Bild 1980 dem Landesmuseum. Klars Herkunftsforscher identifizierten es als Raubkunst und übereigneten es den Silberberg-Erben in Großbritannien.
Diese überlassen es nun dem Landesmuseum Wiesbaden für 200 000 Euro. Einen Großteil der Summe tragen Stiftungen. Aber Wiesbadener Bürger haben in einer ungewöhnlichen Aktion 35 000 Euro für den Ankauf gespendet. Immer noch gehen Zahlungen ein, wie Klar berichtet.
„Wir haben das Gefühl, das Richtige getan zu haben“, sagt er. Das Landesmuseum Wiesbaden will wegen seiner Geschichte vorbildlich bei der Restitution sein. Im Dritten Reich hatte Direktor Hermann Voss den Auftrag, überall in Deutschland und Europa Kunstwerke für das geplante Führermuseum in Linz aufzutreiben. Nach dem Krieg nutzten die Amerikaner Wiesbaden als Sammelstelle für verschleppte Kunst.
Schon mehrfach hat das Museum unrechtmäßig erworbene Werke zurückgegeben. An weiteren drei oder vier verdächtigen Fällen arbeiten die Provenienzforscher, sagt der Direktor. Doch das Problem gehe alle Museen an. Deshalb verkündet Minister Rhein, dass Hessen zwei zusätzliche Stellen für Herkunftsforscher finanziert. Sie sollen die anderen Landesmuseen in Kassel und Darmstadt unter die Lupe nehmen. Auch das Städel in Frankfurt untersucht seine Sammlung.
Im Museum Wiesbaden ist die Kunsthistorikerin Miriam Merz eher zufällig auf die dubiose Herkunft des Mareés-Werkes gestoßen. „Die Labung“ war im Katalog jener Berliner Auktion 1935 abgebildet, die Silberberg um seine Sammlung brachte, erzählt sie. Ein Abgleich mit der Raubkunst-Datenbank LostArt.de erhärtete den Verdacht. Für Museen bedeutet der Fall, dass sie nicht nur die Erwerbungen zwischen 1933 und 1945 überprüfen müssen. Die Nazi-Raubkunst kann auch zu anderen Zeiten, aus anderen Quellen in ihren Bestand gelangt sein. „Es ist noch nicht zu Ende“, sagt Museumskustos Peter Forster.
